ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2000Schuluniformen: Der spröde Charme textiler Gleichmacher

VARIA: Bildung und Erziehung

Schuluniformen: Der spröde Charme textiler Gleichmacher

Dtsch Arztebl 2000; 97(26): A-1838 / B-1579 / C-1464

Tuch, Peter

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LNSLNS Für viele Schüler drückt sich der Drang nach Individualität auch im Hang zu teurer Markenkleidung aus. Kindern und Jugendlichen, die den kostspieligen Trends nicht folgen können, droht die Stigmatisierung – Angriffspunkt für die Befürworter von Schuluniformen nach angelsächsischem Vorbild. Doch hätten die textilen Gleichmacher hierzulande wirklich eine Chance?

Natürlich ging Bayern voran. Exklusiv meldete unlängst die Internet-Ausgabe des Nordbayerischen Kuriers, in Bayreuth werde ab dem Schuljahr 2000/2001 an allen Schulen „als Pilotprojekt“ eine einheitliche Schuluniform eingeführt. Das zugehörige Foto modellhaft bekleideter Schaufensterpuppen ließ Schlimmes befürchten: Für die Jungs ein dunkler Anzug mit Krawatte und eingesticktem Wappen, für die Mädel gar ein Kostüm mit weißer Rüschenbluse und Ballonmütze. Kurier-Leser konnten sich von der Zwangskluft selbst ein Bild machen – im Schaufenster eines örtlichen Bekleidungsgeschäfts. Doch bevor die Meldung die unvermeidlichen Wellen der Empörung schlagen konnte, fiel den meisten noch rechtzeitig das Datum der Veröffentlichung ins Auge: 1. April.
Kein Aprilscherz war hingegen, was über die Leiterin einer Grundschule im nordrhein-westfälischen Viersen hereinbrach: Dort war zwar lediglich von „irgend jemandem“ die Idee geäußert worden, die einheitlichen T-Shirts der Kleinen bei einer Schulfeier seien doch eine ausbaufähige Idee. Doch gerade diese Privatmeinung geriet an den Praktikanten einer Presseagentur, der prompt über die angeblich vorgeschlagene Einführung einer Uniform berichtete. Die Schulleiterin, die in diesem Zusammenhang nicht mehr namentlich zitiert werden möchte, musste daraufhin monatelang Reporteranfragen und Kamerateams von Fernsehsendern sowie eine schulinterne Untersuchung des „Vorgangs“ über sich ergehen lassen. „Heute finde ich das zum Lachen, aber damals war mir mehr zum Weinen“, sagt die Pädagogin über ihre ganz persönliche „Zeitungsente des Jahrhunderts“.
Zwei Beispiele für ein Reizthema, das wie kaum ein anderes im Schulbereich zustimmende wie ablehnende Emotionen aufstacheln kann – und das in ziemlich regelmäßigen Abständen. Fakt ist: Noch gibt es in Deutschland keine Schule, an der im Alltag wie im angelsächsischen Raum einheitlich Hose oder Rock und Blazer getragen werden muss. Zu abschreckend sind hierzulande die Konnotationen, die sich mit dem Wort „Uniform“ verbinden – der preußische Militarismus, Befehl und Gehorsam, all das liegt historisch noch zu nah. Was Politiker aller Lager nicht davon abhält, einmal pro Jahr laut über segensreiche Wirkungen einer „Schulkluft“ nachzudenken. Highlights aus der letzten Zeit: 1997 versprach sich der Stuttgarter CDU-Fraktionschef Günther Oettinger von der freiwilligen Einführung „gestärktes Gemeinschaftsgefühl und gebremsten Konsumwettlauf“. 1998 warb der CSU-Bundestagsabgeordete Johannes Singhammer, die Uniform lasse „soziale Unterschiede in den Hintergrund treten“. Im vergangenen Jahr war es der Hamburgische SPD-Abgeordnete Thomas Böwer, der sich von Uniformen Abhilfe gegen „Klamottendiktatur und Egoismus“ erhoffte. Und im März diesen Jahres gab gar PDS-Star Gregor Gysi an, in Sachen Schuluniform „schwankend zu werden“. Er sei ein Gegner gewesen – jetzt „denke ich neu darüber nach“.
Für Dr. Hartmut Ferenschild, Sprecher des Elite-Internats Schloss Salem, ist das eine „Stellvertreterdebatte, bei der es im Kern um die Sekundärtugenden an den Schulen geht“. Politiker, die vor mühsamen, substanziellen Verbesserungen der Schullandschaft zurückschreckten, flüchteten sich lieber in die kostenlose, aber spektakuläre Forderung nach der Uniform. Ferenschild selbst kann mit Salem auf das einzige deutsche Institut verweisen, an dem es tatsächlich einheitliche Schulkleidung gibt: Die Unterstufenschüler tragen vormittags den blauen Schulpullover, den sie nach Bestehen der Probezeit als „durch Leistung erworbenes Signum der Zugehörigkeit“ feierlich überreicht bekommen haben, wie Salem-Leiter Dr. Bernhard Bueb schreibt. Und zu festlichen Anlässen erscheinen die Mittel- und Oberstufenschüler im dunklen Schulanzug. Bueb berichtet von einem zunehmenden Bedürfnis seiner Schüler nach Ritualen und Identifikation, wodurch beide Bräuche keineswegs als lästige Pflichtübung erlebt würden. Das Projekt erfreue sich zunehmender Beliebtheit.
Auch Sprecher Ferenschild bestätigt: „Unsere Schüler selbst wünschen sich eine alltagstaugliche Schulkleidung, manche Eltern dagegen eher etwas Offizielles nach britischem Vorbild“. Doch derart Unpraktisches wollten sich auch die Salemer nicht aufs Auge drücken lassen: „Wir haben inzwischen Prototypen von Textilien geordert, die auch im Chemieunterricht mal einen Spritzer abkriegen dürfen.“ Dazu gehören Sweatshirts, Polohemden oder Trainingsanzüge in Dunkelblau und mit eingewebtem Salem-Logo. Und, als Trick Siebzehn für alle noch nicht überzeugten Konsum-Kids anderswo: „Wir wollen bei solchen Herstellern ordern, deren Marken auch bei den Kindern hoch im Kurs stehen.“ Peter Tuch
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