ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2000Homunkulus: Ein blue chip

POLITIK: Kommentar

Homunkulus: Ein blue chip

Dtsch Arztebl 2000; 97(27): A-1861 / B-1601 / C-1485

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Der Wettlauf zwischen dem internationalen, öffentlich geförderten Humanen Genom-Projekt und dessen größtem Konkurrenten, der US-Privatfirma Celera Genomics, wurde vergangene Woche durch eine „Politshow“ in Washington überraschend beendet. Gemeinsam haben beide Forschergruppen unter den Augen – oder besser gesagt unter dem Druck – von US-Präsident Bill Clinton und Premierminister Tony Blair die vorläufige Karte der menschlichen Erbanlagen vorgestellt. Was war der Hintergrund für diese „Inszenierung“, die unter dem Gesichtspunkt eines wissenschaftlichen Neuigkeitswerts eher überflüssig war.
Ein Quantensprung für die Menschheit, bedeutender als die erste Mondlandung, wie uns mancher Molekularbiologe glauben machen will, war die jetzige Ankündigung nicht. Denn die Sequenzierung des menschlichen Genoms ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang einer gewaltigen Aufgabe. Für die Erforschung von Krankheiten genügt es nämlich nicht, die DNA-Sequenz der beteiligten Gene zu kennen. Die Funktionsanalyse der auf „Genkommando“ gebildeten Proteine ist der eigentliche und wirtschaftlich interessante Quantensprung.
Die jüngste Pressekonferenz war vielmehr die Darstellung einer – in den USA häufig zu beobachtenden und den Deutschen eher fremden – Allianz zwischen Politik und Wirtschaft, die einem übergeordneten nationalen Ziel gewidmet ist und mit dem Begriff „Public-Private-Partnership“ umschrieben wird; also die Bündelung von Ressourcen und „manpower“ für einen beschleunigten Erkenntnisgewinn mit dem Ziel der Marktbeherrschung.
Wie bereits in der Informationstechnologie will die Großmacht USA auch in der zukunftsträchtigen Biotechnologie die „erste Geige spielen“ und zwingt die Vertreter der Partikularinteressen an einen Tisch. Denn eines ist heute schon klar: Die Genom-Karte wird nicht nur tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft zur Folge haben, sondern auch die Business-Pläne und Aktienwerte der – vor allem in den USA angesiedelten – Biotech-Unternehmen in schwindelnde Höhen treiben. Ketzerisch gesagt: Der Homunkulus wird zum blue chip. Bereits in wenigen Jahren wird die Anwendung der Forschungsergebnisse in vielen Wirtschaftsbereichen zu strukturellen Umbrüchen führen. Neue Technologie- und Dienstleistungsbereiche werden entstehen, alte verschwinden oder füllen sich mit neuen Inhalten. Während die Biotechnologie im angloamerikanischen Raum schon vor Jahren zur „Chefsache“ erklärt wurde (wie wärs, Herr Schröder?), ist die deutsche Position – trotz hervorragender Wissenschaftler – schwach.
Nach Ansicht von Krebsforscher André Rosenthal vom Institut für molekulare Biotechnologie in Jena ist Deutschland im Bereich der biotechnologischen Forschungsförderung im internationalen Vergleich abgeschlagen. Wie Rosenthal, der dem internationalen Wissenschaftlerteam des Humanen Genom-Projektes angehört, in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ äußerte, investieren die Amerikaner knapp drei Milliarden DM, „die Briten und Franzosen geizen auch nicht, und neuerdings haben auch die Chinesen die Deutschen schon überrundet“. Das sei eine „Schande für dieses Land“.
Zwar hat die Bundesregierung nach Angaben von Wolf-Michael Catenhusen, Parlamentarischer Staatssekretär im Bun­des­for­schungs­minis­terium, im Jahr 1998 die Grundsatzentscheidung gefällt, dass Deutschland sich bei der Forschungsförderung stärker auf die zweite Phase der Genomforschung – also die Funktionsanalyse – konzentriert. Mit hierzulande 290 Biotech-Firmen schätzt Catenhusen die Ausgangslage für Deutschland (dann) für gut ein.
Andere glauben, dass der Biotechnologie-Zug längst abgefahren ist. „Deutschland als Hochtechnologieland hat zu spät und dann auch noch unzureichend auf die Entwicklungen in der Genomforschung und in der Biomedizin reagiert“, erklären deutsche Wissenschaftler, die nun als Reaktion auf die US-Pressekonferenz ein Memorandum zur Genomforschung vorlegen.
Um politisch verlorenes Terrain wettzumachen, möchte die deutsche Bundesregierung (wenigstens) eine internationale Übereinkunft über den rechtlichen und ethischen Rahmen bei der Patentierung menschlicher Gene erreichen. EU-Richtlinie und der deutsche Gesetzentwurf zu deren Umsetzung bieten nach Ansicht Catenhusens eine große Chance: Da die Europäer als erste geklärt hätten, wo die Grenze zwischen ethischen Bedenken und wirtschaftlichen Interessen verlaufen sollen, könnten sie damit den geltenden rechtlichen Standard setzen. Wer dies angesichts der Ereignisse in der vergangenen Woche glaubt, ist (freundlich ausgedrückt) ein Optimist.
Wird mit den Vereinigten Staaten keine zufriedenstellende Regelung hinsichtlich der Patentierung getroffen, wird dies dramatische Konsequenzen für den weltweit wachsenden Markt mit Biotech-Produkten haben. Sollten in den USA Schutzrechte auf einzelne entdeckte Teile des menschlichen Erbgutes vergeben werden, wird es eine Sogbewegung der Unternehmen auf dem US-Markt geben.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
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