ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1996Krankenhäuser: Kesseltreiben
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LNSLNS Minister Seehofer sagt: "Die Krankenhäuser sind die Kostentreiber im Gesundheitswesen." Entweder weiß er es nicht besser, dann handelt er inkompetent und für seine Position unverantwortlich. Wiederholt er aber bewußt die Unwahrheit, dann handelt er demagogisch. Die Wahrheit ist:
Der Anteil der Ausgaben für die Krankenhäuser an den Gesamtgesundheitskosten war in den letzten Jahren gleichbleibend zirka 31 Prozent, 1994 mit gering fallender Tendenz. Im Verlauf der letzten drei Jahre sind in einzelnen Krankenhäusern bis zu 20 Prozent mehr Patienten für das gleiche Geld behandelt worden. Die Kostensteigerung im Klinikbereich wird am Ende dieses Jahres [1995; Die Red.] nicht wesentlich die vorvereinbarte Marge von 1,7 Prozent überschreiten, obwohl die Zahl der Patienten um 5 bis 10 Prozent gestiegen ist. Die von der AOK angegebene Steigerungsrate von 8,1 Prozent trifft deswegen nicht zu, weil in ihr die Rückzahlung der Krankenhäuser an die Krankenkassen am Ende des Jahres nicht berücksichtigt ist. Zusätzliche Kosten durch die Pflegepersonalverordnung und die Neueinrichtung von kostenintensiven Krankenhausabteilungen sind von der Politik und nicht von den Krankenhäusern zu verantworten. Es ist unseriös und betriebswirtschaftlich unrichtig zu behaupten, daß bei zunehmender Fallzahl und immer kürzeren Liegedauern die Kosten des Krankenhauses sinken. Das Gegenteil ist durch höhere Arbeitsintensität am Patienten der Fall. Ein Minister muß die Rahmendaten schaffen, innerhalb derer die Leistungserbringer und die Kostenträger befriedigende Kompromisse aushandeln können. Ein Schulterschluß zwischen der Politik und den Kostenträgern gegen die Krankenhäuser wird negative Auswirkungen auf die Krankenhauslandschaft und auf die Patienten haben, für die in 10 Jahren niemand die Verantwortung übernehmen möchte (und ja auch nicht übernehmen muß). Das ortsnahe und patientennahe Versorgungskrankenhaus wird durch inkompetente und nicht am demographischen Bedarf und am medizinischen Fortschritt ausgerichtete Planungsvorgaben der Politik bedroht. Die Politik wie die Kostenträger unterliegen dem Trugschluß, daß das Krankenhaus ein "Profit-Center" sein kann. Das Versorgungskrankenhaus hat im Gegensatz zu Privatkliniken eine 24-StundenFeuerwehrfunktion für den nicht "profitablen" Notfall sowie eine Ausbildungsfunktion für Pflegekräfte und Ärzte. Hat man schon gehört, daß von Feuerwehren und Schulen gefordert wird, sie sollten profitabel arbeiten?
Die Bevölkerung muß wissen, daß sie seit Monaten mit falschen Zahlen über die Kosten in den Krankenhäusern an der Nase herumgeführt werden soll, um weitere Gebührenerhöhungen vorzubereiten. Diese sollen dazu dienen, das Defizit der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung in Höhe von mehr als sechs Milliarden DM aus der Inanspruchnahme aus Arbeitslosenversicherung und Rentenversicherung abzudecken.
Nur der Hingabe und dem übertariflichen Arbeits-einsatz der Mitarbeiterin-nen und Mitarbeiter in den Krankenhäusern ist es zu verdanken, daß es bisher noch nicht zu einer wesentlichen Qualitätsverschlechterung in der Versorgung stationärer Patienten gekommen ist. Die materiellen Rationalisierungsreserven sind in den letzten drei Jahren aufgebraucht worden. Spielt die Politik mit diesen "Non-Profit"- beziehungsweise immateriellen Bestandteilen unseres Gesundheitswesens, wird der Schrecken eines Tages groß sein.
Dr. med. Hans-Rudolf Milstrey, Arbeitsgemeinschaft der Leitenden Krankenhausärzte im Kreis Viersen, Tönisvorster Straße 26, 41749 Viersen
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