ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2000Notfallmedizin: Pro und Kontra Atemspende

AKTUELL: Akut

Notfallmedizin: Pro und Kontra Atemspende

Dtsch Arztebl 2000; 97(28-29): A-1933 / B-1629 / C-1525

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Seit Generationen wird versucht, der Bevölkerung die ABC-Regeln zur Ersten Hilfe einzubläuen. Häufig ohne Erfolg. Denn viele Menschen vergessen im Notfall vor Aufregung die an sich einfachen Regeln, andere genieren sich vor der Atemspende oder haben (zu Unrecht) Angst, sich mit HIV oder Hepatitisviren anzustecken. In Seattle wurde deshalb untersucht, ob die Beschränkung der Reanimation auf die Thoraxkompression (das „C“ der Regel) ausreichen könnte. Zumindest in gewissen Situationen scheint dies möglich zu sein. In Seattle gibt die Leitzentrale der Feuerwehr den Meldern von Notfällen telefonische Anweisungen zur kardiopulmonalen Reanimation, welche diese in den wenigen Minuten bis zum Eintreffen des Notarztes durchführen sollen.

In einer Studie wurde jeder zweite Melder nur zur Thoraxkompression instruiert, nicht aber zur Atemspende. Wie Alfred Hallstrom von der dortigen Universität jetzt berichtet, verkürzte sich dadurch die telefonische Anweisung um 1,4 Minuten (NEJM 2000; 342: 1546–1553). Die Helfer konnten früher mit der Reanimation beginnen. Als Folge davon erreichten mehr Patienten die Klinik, und die Krankenhausmortalität war niedriger als nach kompletter ABC-Reanimation (die Unterschiede waren jedoch nicht signifikant). Für die alleinige Thoraxkompression spricht auch, dass mehr Anrufer sich dazu in der Lage fühlten, diese durchzuführen. Nur 2,9 Prozent der Anrufer verweigerten sie gegenüber 7,2 Prozent, wenn sie zur gesamten ABC-Regel angeleitet werden sollten.

Es stellt sich natürlich die Frage, ob die Studienergebnisse auf andere Situationen übertragbar sind, etwa wenn keine Anweisungen per Telefon gegeben werden können. Die Autoren glauben, dass dies der Fall ist. Sie können auf zwei weitere Studien und Experimente am Schwein verweisen, in denen mit der alleinigen Thoraxkompression gleich gute Ergebnisse wie mit der kompletten ABC-Regel gemacht wurden. Die American Heart Association (AHA) weist in ihrer Richtlinie von 1997 darauf hin, dass die Atemspende in den ersten Minuten nach einem Herzstillstand möglicherweise unnötig sei und Risiken berge, weil dafür die Thoraxkompression unterbrochen werden muss oder weil sich der Magen zu sehr mit Luft füllen könnte. Die AHA gibt in einer ersten Stellungnahme jedoch zu bedenken, dass Menschen, die aufgrund einer Verlegung der Atemwege einen Atemstillstand erleiden, irrtümlich nur mit Thoraxkompression behandelt werden könnten. Wer die ABC-Regel beherrsche, solle sie deshalb auch nach Möglichkeit anwenden. Rüdiger Meyer
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