ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2000Ecstasy: Wenn der Spaß aufhört
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LNSLNS Die synthetische Droge „Ecstasy“ scheint einer neuen Studie zufolge eine hohe neurotoxische Wirkung zu besitzen.

Mittlerweile ist sie schon Tradition – die Love Parade in Berlin. Über eine Million „Raver“ geben sich alljährlich an einem Sommerwochenende dem hämmernden Rhythmus der Techno-Musik hin. Die Teilnehmer sind begeistert. Doch die Riesen-Party hat eine Schattenseite: Etwa 770 Sanitäter und 40 Ärzte waren am 8. Juli auf dem Love-Parade-Gelände rund um die Uhr im Einsatz, koordiniert vom Malteser Hilfsdienst. Mehrere Tausend internistische und chirurgische Hilfeleistungen wurden angefordert. In einigen Hundert Fällen war Hilfe aber nur deshalb nötig, weil die Betroffenen Drogen genommen hatten. Denn auch das ist bei der Mega-Techno-Party „Tradition“. Besonders beliebt – weil angeblich harmlos – sind die „Glückspillen“ Ecstasy. Sie heben die Stimmung, täuschen über das Schlafbedürfnis hinweg und mindern die Distanz zu anderen Menschen – für Jugendliche sind sie einfach „geil“.
Doch so ungefährlich wie behauptet ist die „Partydroge“ oder „Designerdroge“ Ecstasy mit dem Hauptinhaltsstoff MDMA (3,4-Methylen-dioxymethamphetamin) gar nicht. Immer wieder werden schwere Zwischenfälle, wie Krämpfe, Hirninfarkte, Nierenversagen und Körpertemperaturen über 40 Grad, bekannt. Doch diese akuten Störungen, die von der individuellen Disposition abhängig sind, stehen bei den Gesundheitsschäden durch Ecstasy nicht im Vordergrund. „Ecstasy schädigt eindeutig die Hirnfunktion“, erklärt Privatdozent Dr. med. Rainer Thomasius, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Dies ist das Ergebnis seiner aktuellen Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums*, die erstmals repräsentativ die psychiatrischen, neurologischen und internistischen Gesundheitsschäden der Droge am Menschen untersucht.
Die Arbeitsgruppe um Thomasius untersuchte hingegen über einen Zeitraum von 21 Monaten 107 polytoxikomane Ecstasykonsumenten und 52 Kontrollgruppenprobanden, von denen 41 ein polytoxikomanes Konsumverhalten zeigten, ohne jedoch Ecstasy zu nehmen. Angesprochen hatten die Untersucher die Teilnehmer direkt auf Techno-Veranstaltungen und in Diskotheken.
Psychische Störungen und Hirnfunktionsschäden
„Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass das Ausmaß an drogeninduzierten psychischen Störungen bei Ecstasykonsumenten außerordentlich hoch ist“, erläutert Thomasius. „Mehr als ein Viertel der Probanden wies in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine durch psychotrope Substanzen bedingte psychotische Störung mit Halluzinationen, Personenverkennungen, Wahn, Beziehungsideen und psychomotorischen Störungen auf.“ Dauerkonsumenten waren im Vergleich signifikant häufiger beeinträchtigt (49 Prozent) als Gelegenheitskonsumenten (22 Prozent) und Probierkonsumenten (0 Prozent). Es dürfte also eine Dosis-Wirkung-Beziehung bestehen. Diese war früher bei Ecstasy im Unterschied zu anderen Suchtmitteln negiert worden. Drogeninduzierte Restzustände, wie kognitive Störungen, affektive Zustandsbilder, Nachhallzustände sowie Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, diagnostizierten die Wissenschaftler bei 68 Prozent der Ecstasykonsumenten.
Was bisher beim Menschen vermutet und im Tierversuch bestätigt werden konnte, belegt jetzt auch die Studie von Thomasius und Mitarbeitern: Ecstasy verursacht Hirnfunktionsstörungen. Im EEG zeigten sich bei Ecstasy-Konsumenten gehäuft Zeichen einer über die Norm hinausgehenden Vigilanzminderung. Ferner zeigte die Positro-
nen-Emissions-Tomographie (PET) eine signifikant verminderte Hirnaktivität. Dabei könne, so Thomasius, „eine bleibende Beeinträchtigung der Hirnaktivität durch Ecstasy nicht ausgeschlossen werden, da die Abstinenzdauer keinen entscheidenden Einfluss auf die Aktivitätsminderung in der PET hat“.
Aber wie wirkt Ecstasy im Hirn? MDMA setzt dort Serotonin in exzessiven Konzentrationen im synaptischen Spalt frei und hemmt dessen Wiederaufnahme. Dabei kann es lange dauern, bis die Synapsen wieder gefüllt sind. In der Zwischenzeit zerstören wahrscheinlich Metaboliten des MDMA-Abbaus die Axone serotonerger Nerven. Noch ist allerdings der Mechanismus der Neurodegeneration nicht eindeutig geklärt.
Die klinischen Befunde der Probanden sprechen jedoch für sich: Ein amnestisches Syndrom, gekennzeichnet durch Kurzzeitgedächtnisstörungen, diagnostizierte Thomasius bei 37 Prozent der Ecstasy-Konsumenten (100 bis 499 Tabletten). In der Gruppe der exzessiven Konsumenten (500 bis 2 500 Tabletten) waren sogar 60 Prozent davon betroffen, hingegen nur acht Prozent der Drogenkonsumenten, die kein Ecstasy nehmen. Auch die neuropsychologischen Untersuchungen bestätigten eine Beeinträchtigung des Arbeits- und des mittelfristigen Gedächtnisses sowie der psychomotorischen Geschwindigkeit. Ob die Störungen tatsächlich irreversibel sind, müsse allerdings in Längsschnittstudien untersucht werden, so Thomasius. Unter seiner Leitung haben Wissenschaftler eine solche Studie jetzt im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf begonnen.
Thomasius fand zudem signifikante persönlichkeitsstrukturelle Entwicklungs- und Identitätsstörungen bei schweren Ecstasy-Konsumenten. Dabei seien Paranoidität, Mangel an Selbstwahrnehmung sowie an Freundschaften und sozialer Unterstützung besonders häufig gewesen. Dabei suchen Ecstasy-Abhängige nach psychotherapeutischer Hilfestellung.
Spezifische Prävention dringend nötig
Dies ist für Thomasius ein wichtiger Therapieansatz. Vor allem Haus- sowie Kinder- und Jugendärzte seien bei Diagnostik und Prävention gefragt. Sie sollten Eltern und Kinder über die möglichen Gefahren von Ecstasy informieren und Konsumenten gegebenenfalls zu einem Psychotherapeuten überweisen. „Dringend notwendig sind spezielle Hilfsangebote für Ecstasy-Konsumenten“, betont Thomasius. Denn mit Junkies wollen sie nicht verglichen werden. Deshalb nehmen sie auch deren Hilfsangebote nicht an. Bedarf besteht: Die Bundesregierung geht davon aus, dass es in Deutschland etwa 500 000 Konsumenten gibt.
Der Hamburger Studie steht das Bundesgesundheitsministerium eher zurückhaltend gegenüber. Hier wären junge Leute untersucht wurden, die auch andere Drogen außer Ecstasy zu sich genommen hätten. Insofern könnten die beobachteten gesundheitlichen Schäden nicht allein auf den Ecstasy-Konsum zurückgeführt werden, kritisiert Christa Nickels, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium und Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Dass Jugendliche der Techno-Party-Szene häufig einen Mischkonsum von mehreren Substanzen betreiben, hat eine bisher unveröffentlichte Studie des Sozialpädagogischen Instituts (Berlin) im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA, Köln) ergeben. Darin wird gleichzeitig deutlich, dass der intensive Drogenkonsum von den Jugendlichen meist nicht länger als zwei Jahre aufrechterhalten wird. Thomasius verweist hingegen auf seine Kontrollgruppe, die zwar kein Ecstasy, jedoch verschiedene andere Drogen konsumiert. Zwischen beiden Gruppen fand er signifikante Unterschiede. Im Hinblick darauf müsste auch das Informationsmaterial zu Ecstasy überarbeitet werden, meint Thomasius. Noch stelle es die Konsumfolgen zu harmlos dar.
Bevor Nickels Ecstasy jedoch verteufelt, setzt sie zunächst auf zusätzliche Untersuchungen. Der Konsum soll weiterhin straffrei bleiben. Für notwendig erachtet sie vielfältige Anstrengungen auf dem Gebiet der Prävention. So soll die Studie der BZgA mögliche Strategien vorbereiten. Gesundheitsministerin Andrea Fischer hat die Drogen- und Suchtkommission des Bundesgesundheitsminsteriums beauftragt, ein neues umfassendes Präventionskonzept zu erarbeiten. Erste Ergebnisse werden im Herbst erwartet. Damit sollen die Jugendlichen gezielter angesprochen und die Präventionsbotschaften glaubhafter als bisher vermittelt werden. Dr. med. Eva A. Richter

* Rainer Thomasius (Hrsg.): Ecstasy – Eine Studie zu gesundheitlichen und psychosozialen Folgen des Missbrauchs, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart, 2000 (erscheint am 14. Juli 2000)

Der Drogenkonsum hat nach Einschätzung des Malteser Hilfsdienstes in diesem Jahr unter den 1,3 Millionen Love Parade-Besuchern deutlich zugenommen. Foto: dpa
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