ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/1996Praxisgründung 1994/95: Investitionsverhalten von Ärzten

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Praxisgründung 1994/95: Investitionsverhalten von Ärzten

Deutsch, Richard; Brenner, Gerhard

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LNSLNS In den Jahren 1994/95 wurden rund 1600 der von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank durchgeführten Finanzierungen von Praxisgründungen nach einer einheitlichen Systematik ausgewertet. Die Auswertung wurde von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank und dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI) durchgeführt und vermittelt ein Bild über das Investitionsverhalten der Ärzte bei Praxisneugründung oder -übernahme. Die Verfasser sind Richard Deutsch, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, und Dr. rer. pol. Gerhard Brenner, Geschäftsführer des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung. Der folgende Beitrag dokumentiert die wichtigsten Passagen der Studie.


Bei der Analyse von Praxisgründungen lassen sich vier Formen unterscheiden:
l die Einzelpraxisneugründung (mit 39,2 Prozent der untersuchten Finanzierungen)
l die Einzelpraxisübernahme (44,8 Prozent)
l die Gemeinschaftspraxisneugründung (2,1 Prozent)
l und der Eintritt in eine bereits bestehende Praxis (13,9 Prozent).
Der Trend, eine Praxis zu übernehmen oder in eine bereits bestehende Praxis einzutreten, ist in Westdeutschland mit 58,8 Prozent aller Finanzierungen hoch. In Ostdeutschland spielt naturgemäß noch die Einzelpraxisneugründung mit 83,8 Prozent die entscheidende Rolle; 7,3 Prozent aller Finanzierungen wurden in Form einer Gemeinschaftspraxisneugründung durchgeführt. Einzelpraxisübernahmen (8,8 Prozent) im westlichen Sinne kommen noch kaum vor.


Westdeutschland
Von den in die Auswertung eingehenden Belegen entfielen 84 Prozent auf Einzelpraxisneugründungen und übernahmen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig hervorzuheben, daß 53,3 Prozent der Einzelpraxisfinanzierungen Übernahmen waren und lediglich 46,7 Prozent Neugründungen. Dieses Verhältnis von Übernahmen zu Neugründungen dürfte unter anderem durch die Zulassungsbeschränkungen des Gesundheitsstrukturgesetzes (GSG) verursacht werden, wonach Praxisneugründungen nur in Bezirken möglich sind, die für die Niederlassung noch offen sind. Rund 16 Prozent der ausgewerteten Finanzierungen bezogen sich auf Gründungen von Gemeinschaftspraxen oder den Praxisbeitritt. Wegen der geringen Zahl von Gemeinschaftspraxen und Praxisbeitritten in den meisten Fachgebieten bezieht sich die nachfolgende Auswertung nur auf Einzelpraxen. In einem gesonderten Abschnitt wird jedoch das Finanzierungsvolumen bei Gemeinschaftspraxisneugründung für ausgewählte Fachgruppen dargestellt.


Ostdeutschland
Von den in Ostdeutschland erfaßten Niederlassungen entfielen rund 84 Prozent auf Einzelpraxisneugründungen. Bei nur knapp 9 Prozent wurde das Merkmal Übernahme angegeben. Eine gesonderte Analyse der Praxis-übernahmen ist aus diesem Grund nicht vorgenommen worden. Zudem muß berücksichtigt werden, daß im Osten eine dem Westen vergleichbare Praxisübernahme von einem aus Altersgründen die Praxis aufgebenden Arzt noch recht selten vorkommen dürfte. Diese Fälle werden daher in der folgenden Auswertung nicht berücksichtigt. Die Zahl der Gemeinschaftspraxisgründungen ist aufgrund der geringen Anzahl der analysierten Finanzierungen für eine gesicherte Auswertung ebenfalls zu gering.
l Im folgenden Text werden zunächst immer erst die Ergebnisse für Westdeutschland und (in Klammern) die entsprechenden Werte für Ostdeutschland dargestellt.
Das mittlere Finanzierungsvolumen einer Einzelpraxis lag in Westdeutschland in den Jahren 1994/95 bei 349 838 DM. Es errechnet sich sowohl aus Neugründungen wie aus Übernahmen. In Ostdeutschland betrug das mittlere Finanzierungsvolumen einer Einzelpraxisneugründung 355 334 DM. Die Durchschnittsbeträge sowie alle im folgenden Text genannten Werte beziehen sich nur auf die in Tabelle 1 aufgeführten Fachgruppen. Für die übrigen Fachgruppen ist die Anzahl der durchgeführten Finanzierungen so gering, daß die errechneten Durchschnittswerte keine allgemeingültigen Aussagen erlauben.
Im Westen zeigte sich eine Vorteilhaftigkeit im Finanzierungsvolumen bei der Praxisneugründung mit 323 980 DM im Verhältnis zur Praxisübernahme mit 372 469 DM. Die Vorteilhaftigkeit nach Fachgruppen ist allerdings sehr unterschiedlich. Soweit die Praxisübernahme günstiger ist, ist dies im wesentlichen durch geringere Betriebsmittelkredite sowie Bau- und Umbaukosten bedingt. Die geringeren Kosten für Geräte und Praxisausstattung bei Praxisübernahmen werden durch die Zahlung von Übernahmeentgelt für den materiellen und immateriellen Wert relativiert.
Bei der Gegenüberstellung der Finanzierungvolumina von Neugründung und Übernahme ist zu berücksichtigen, daß möglicherweise unterschiedliche Praxisgrößen in den Vergleich eingehen. Im einzelnen ergibt sich die Aufteilung der Finanzierungsvolumina, getrennt nach Fachgruppen und der Art der Praxisgründung, aus Tabelle 1.
Bei der Praxisneugründung, die im Mittel 323 980 DM (355 334 DM) kostete, entfielen durchschnittlich 201 474 (242 909) DM, also 62,2 (68,4) Prozent, auf die Investitionen für die Praxisausstattung und medizinischen Geräte. Weitere 82 289 (72 236) DM oder 25,4 (20,3) Prozent wurden für den Betriebsmittelkredit benötigt, wobei es sich um den im Durchschnitt eingeräumten – und nicht den letztlich in Anspruch genommenen – Betrag handelt. 32 679 (34 551) DM oder 10,1 (9,7) Prozent mußten für die Finanzierung von Bau- und Umbaukosten aufgebracht werden. Ein Restbetrag von 7 538 (5 638) DM, also 2,3 (1,6) Prozent, entfiel durchschnittlich auf die anteilige Finanzierung des Pkw sowie sonstige Gründungskosten.
Bei der Praxisübernahme wurden im Mittel 372 469 DM zur Finanzierung aufgewendet. Davon entfielen 212 196 DM oder 56,9 Prozent auf das Übernahmeentgelt. Dieser Betrag wird vom Praxisübernehmer an den Praxisabgeber gezahlt und setzt sich zusammen aus dem ideellen Praxiswert sowie dem Substanzwert für Geräte und medizinische Ausstattung. Für die Neuanschaffung medizinischer Geräte und Ausstattung bei Praxisübernahme wurden durchschnittlich 64 266 DM, also 17,3 Prozent, aufgewendet. Auf den Betriebsmittelkredit entfielen 74 414 DM oder 20,0 Prozent und auf die Finanzierung von Bau- und Umbaukosten 15 850 DM beziehungsweise 4,3 Prozent.
Beim Vergleich der Finanzierungsstrukturen für Praxisneugründungen und Praxisübernahmen im Westen zeigte sich eine interessante Relation. Bei der Übernahme war die Summe aus ideellem und materiellem Wert der Praxis sowie Neuinvestitionen in Höhe von 276 462 DM größer als die Summe der Investitionskosten für die Praxisausstattung und Praxisgeräte bei der Praxisneugründung in Höhe von 201 474 DM. Ob diese Finanzierungsdifferenz unterschiedliche Kapazitätsstrukturen zwischen Neugründung und Übernahme widerspiegelt oder bereits eine zusätzliche "Knappheitsrendite" im immateriellen Übernahmeentgelt wegen der Zulassungsbeschränkungen enthält, muß zur Zeit noch unbeantwortet bleiben. Soweit eine Vorteilhaftigkeit der Praxisübernahme (West) gegenüber der Neugründung (West) gegeben ist, resultiert sie im wesentlichen aus den niedrigeren Betriebsmittelkrediten und den niedrigeren Bau- und Umbaukosten.
Bei der Praxisübernahme ist in der Regel von dem Praxisübernehmer an den Praxisabgeber ein Preis für die immateriellen Werte der Praxis zu entrichten, der letztlich der freien Aushandlung zwischen den Partnern unterliegt. Streng getrennt werden muß von der Zahlung für den ideellen Wert die Zahlung für den Substanzwert der übernommenen Geräte und Ausstattung. Der tatsächliche mittlere ideelle Wert bei der Praxisübernahme betrug in den Jahren 1994/95 im Westen 150 860 DM, wobei für eine Kinderarztpraxis im Mittel 88 396 DM bezahlt wurden und für eine orthopädische Praxis 205 208 DM. Für den Substanzwert der übernommenen Praxis waren im Mittel 96 984 DM zu entrichten. Kinderärzte zahlten durchschnittlich 56 854 DM für übernommene Ausstattung, während Orthopäden 177 875 DM aufwendeten. Die Mittelwerte für den ideellen Wert wie für den Substanzwert der einzelnen Arztgruppen sind in Tabelle 2 aufgeführt.
Erwartungsgemäß lag das Gesamtfinanzierungsvolumen des einzelnen Arztes bei einer Gemeinschaftspraxisneugründung unter dem Betrag, der bei einer Einzelpraxisneugründung vom Arzt aufgewendet werden mußte. Der Vergleich der Finanzierungsvolumina von Allgemeinärzten, Chirurgen und Internisten zeigte jedoch deutliche fachgruppenabhängige Unterschiede im Verhältnis von Einzelpraxis- zu Gemeinschaftspraxisneugründung. Der Gesamtfinanzierungsbetrag des einzelnen Allgemeinarztes und Internisten lag bei einer Gemeinschaftspraxisneugründung um durchschnittlich 32 Prozent beziehungsweise 37 Prozent niedriger als bei einer Einzelpraxisneugründung. Bei einer Gemeinschaftspraxisneugründung von Chirurgen war das Kreditvolumen des einzelnen Arztes rund 46 Prozent geringer als bei der Neugründung einer chirurgischen Einzelpraxis.
Damit ist die Gemeinschaftspraxisneugründung für den einzelnen Arzt zwar preiswerter als eine Einzelpraxisneugründung; das Gesamtfinanzierungsvolumen, bezogen auf die Praxis, ist jedoch – insbesondere bei Allgemeinärzten und Internisten – bei Gemeinschaftspraxen deutlich höher. Dies deutet darauf hin, daß sich Praxisstruktur und -größe von Einzel- und Gemeinschaftspraxen unterscheiden.
Das Investitionsverhalten in Ost- und Westdeutschland war im Analysezeitraum ähnlich. Insgesamt lag das durchschnittliche Finanzierungsvolumen bei der Einzelpraxisneugründung im Osten rund 10 Prozent über dem Westniveau. Der Anteil der Neuinvestitionen am Gesamtfinanzierungsvolumen bei der Einzelpraxisneugründung war in Ostdeutschland mit 68,4 Prozent höher als im Westen mit 62,2 Prozent. Dagegen wurden für Betriebsmittel im Osten nur 20,3 Prozent des Gesamtvolumens aufgewendet, während der Anteil in Westdeutschland bei 25,4 Prozent lag.
Die vollständige Studie kann über alle Filialen der APO-Bank angefordert werden.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-2022–2024
[Heft 31–32]


Anschrift der Verfasser:
Richard Deutsch
Deutsche Apotheker- und Ärztebank e.G.
Emanuel-Leutze-Straße 8
40547 Düsseldorf


Dr. rer. pol. Gerhard Brenner
Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung
Herbert-Lewin-Straße 5
50931 Köln

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