ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2000Präimplantationsdiagnostik: Kinderlosigkeit - Zumutbares Schicksal

DOKUMENTATION: Diskussion

Präimplantationsdiagnostik: Kinderlosigkeit - Zumutbares Schicksal

Dtsch Arztebl 2000; 97(28-29): A-1963 / B-1691 / C-1572

Link, Günter

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LNSLNS Es ist wohltuend, in einer ärztlich-anthropologischen Grundsatzdiskussion, die im Kontext der Präimplantationsdiagnostik (PID) entbrannt ist, aus dem Mund wenigstens eines Kammerpräsidenten kompetente und insofern auch mutige Worte zu hören, die einen eigenen Standpunkt klar formulieren, der nicht unbedingt Zeitströmungen hörig ist. Dafür möchte ich dem Hanseaten Montgomery danken und Respekt zollen, dass er aus einem tiefen ärztlichen Verantwortungsbewusstsein heraus unpolemisch, aber unmissverständlich zur aktuellen Situation der PID-Diskussion eine prospektive Sichtweise entwickelt, die würdig neben einer solchen von Aldous Huxley steht.
Gestatten Sie mir aber noch eine persönliche Ergänzung. Wie Herr Hepp im gleichen Heft schreibt, hat die PID zur Aufklärung des genetischen Status des Embryos eine In-vitro-Fertilisation zur Voraussetzung. Hier an der ursächlichen Wurzel dieser ganzen Problematik möchte ich ansetzen. Ich stelle die Frage, ob in einer Welt, die bevölkerungspolitisch überquillt, überhaupt eine IVF sozialethisch zu rechtfertigen ist. Hinzu kommt, dass unsere Solidargemeinschaft im medizinischen Bereich heute bereits überfordert ist, sogar wenn es um existenziell bedrohliche Situationen geht. Im Kontext dazu möchte ich nur auf die im gleichen Heft erschienene Arbeit „Radioonkologie, Strahlenbiologie und medizinische Physik“ Bezug nehmen, wonach es „wegen des hohen finanziellen Aufwandes . . . Protonen für den klinischen Einsatz . . .“ in Deutschland erst seit 1998 möglich war, eine Therapieeinheit zu errichten. Hier stellt sich mir als langjährigem Frauenarzt trotzdem die Frage, ob ein Kinderwunsch – bei Würdigung aller Fakten – Priorität haben muss beispielsweise vor der Therapie besonderer maligner Tumoren? Kinderwunsch, so edel er sein mag, ist keine Existenzfrage. Verzicht auf ein Kind – ob primär oder bei Verdacht auf genetisches Risiko – ist ein zumutbares Schicksal, zumindest rechtfertigt es nicht die finanzielle Belastung der Solidargemeinschaft. Der Kinderlosigkeit lässt sich überdies durch die Möglichkeit der Adoption eines der vielen armen Kinder auf unserer schönen neuen Welt begegnen. Dies könnte mit echter Liebe zum Kind erreicht werden, allerdings nicht durch narzisstische Liebe zu sich selbst oder Forschernarzissmus, alles möglich zu machen, koste es, was es wolle.

Dr. med. Günter Link
Auf der Halde 13, 87439 Kempten
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