ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/1996Berufspolitischer Erfahrungsaustausch: Dringliche Erwartungen

THEMEN DER ZEIT: Blick ins Ausland

Berufspolitischer Erfahrungsaustausch: Dringliche Erwartungen

Doppelfeld, Elmar

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LNSLNS Die 42. Konsultativtagung der deutschsprachigen Ärzteorganisationen in Krems/ Österreich (4. bis 6. Juli 1996) berücksichtigte mit Schwerpunkten wie "Gesundheit und Umwelt", "Qualitätssicherung, Zertifizierung und Beratung" oder "EDV-gestützte Netzwerke nationaler Ärztegesellschaften" Probleme, deren Lösung sowohl die Öffentlichkeit als auch die Ärztinnen und Ärzte dringlich


Deutschland, Österreich, die Schweiz, Luxemburg sowie Südtirol waren bei der jüngsten "Konsultativtagung" vertreten. Bei übereinstimmenden Auffassungen in grundsätzlichen Fragen waren im Detail Denkansätze zu erkennen, die von Tradition und Rechtssituation des betreffenden Landes bestimmt werden. Auch die Verfassung der jeweiligen Ärzteorganisation – Körperschaft öffentlichen Rechts mit gesetzlicher Regelung der Mitgliedschaft und der Tätigkeitsfelder (zum Beispiel Deutschland, Österreich) oder Organisation als privater Verein mit freiwilliger Mitgliedschaft der Ärzte und selbstgewählten Zielen (Schweiz) – wirkt sich anscheinend auf Art und Geschwindigkeit der Beantwortung offener Fragen im Gesundheitssystem der Länder aus.
Zur Qualitätssicherung wurde festgestellt, daß neben überkommenen Maßnahmen wie Weiter- und Fortbildung oder eingeführten Institutionen, etwa Arznei­mittel­kommissionen, als neue Determinanten verschärfter Wettbewerb, kommerzielle Interessen Dritter und, vorrangig, die Verknappung der Ressourcen hinzutreten. Der ärztlichen Selbstverwaltung stellt sich hier die Aufgabe, durch eine Effizienzsteigerung der eingesetzten Mittel einer drohenden Rationierung vorzubeugen. Es wird notwendig sein, eine Strategie zur Vermeidung möglicher Fehler zu entwickeln, die sich auf die Einbindung aller Mitarbeiter stützen muß. Die retrospektive Datenanalyse zur Qualitätssicherung sollte ergänzt, wenn nicht ersetzt werden durch prospektive Maßnahmen. Qualitätssicherung als ethische Verpflichtung des Arztes gegenüber seinem Patienten muß noch stärker als bisher im Bewußtsein der Beteiligten verankert werden.
Übereinstimmung bestand bei allen Delegationen, daß Maßnahmen der Qualitätssicherung von den Ärzteorganisationen unter Beteiligung der wissenschaftlichen Fachgesellschaften eingeführt werden sollten. Am Beispiel einer in einem österreichischen Bundesland durchgeführten chirurgischen Studie, die sich an einem vergleichbaren Vorhaben in der Bundesrepublik Deutschland orientierte, konnte die Eignung einer von der ärztlichen Selbstverwaltung getragenen Maßnahme zur Steigerung der Qualität der einbezogenen Operationsverfahren eindrücklich nachgewiesen werden. Die Verbindung Schweizer Ärzte stellte zwei mit maßgeblicher Beteiligung professioneller Anbieter gestartete Projekte vor, die vermuteten Erwartungen der Ärzte entgegenkommen und die Attraktivität der FMH für gegenwärtige und potentielle Mitglieder steigern soll.
Das "Health-Info-Net", ein geschlossenes Netz im Rahmen von Internet, soll die Kommunikation unter den Mitgliedern der FMH fördern, durch die Möglichkeit von Telekonferenzen Ärzte bei der Lösung diagnostischer oder therapeutischer Probleme unterstützen und eine Fortbildung "on-line" ermöglichen. Durch elektronische Sicherheitssysteme soll der Zugriff Unbefugter auf die eingegebenen Daten verhindert werden. Die FMH erhofft sich von diesem EDV-gestützten Netzwerk eine Stärkung ihrer Schlagkraft und glaubt, mit diesem System dem sich abzeichnenden Strukturwandel innerhalb der Ärzteschaft Rechnung zu tragen.
Seitens der deutschen Delegation, die ein vergleichbares Netzwerk für Ende 1996 ankündigte, wurde thesenhaft auf berufspolitische Implikationen solcher Netzwerke hingewiesen. Wettbewerbsregulative werden berufsrechtlich nur noch schwer durchzusetzen sein, in der Weiter- und Fortbildung werden vermehrt "virtuelle Konferenzen" Bedeutung erlangen, die Qualität ärztlicher Leistung kann durch den unmittelbaren Erfahrungsaustausch unter Ärzten gesichert und gefördert werden, schließlich wird im Arzt-Patienten-Kontakt Ferndiagnostik/Fernbehandlung einen größeren Raum einnehmen.
Der luxemburgische Delegierte forderte Regelungen zur Verwendung und zum Schutz der in die Netzwerke eingegebenen Daten, da nun sowohl von einem "gläsernen Patienten" als auch von einem "gläsernen Arzt" auszugehen sei. Er wies darauf hin, daß gegenwärtig Patienten ins Netz eingegebene Daten auch Dritten, zum Beispiel Krankenkassen, zur Verwendung überlassen können. Österreichische Delegierte warfen die Frage auf, ob die sich abzeichnende Änderung der Arzt-Patienten-Beziehung tatsächlich in dieser Form gewollt sei und wer die Investitionskosten für die notwendige Hardware trage. Ihre Höhe wurde von dem luxemburgischen Delegierten mit sechs bis acht Prozent des Krankenkassenbudgets veranschlagt. Unwidersprochen blieb die Feststellung, daß die Information der Patienten dank Internet immer besser wird, der Arzt mit diesem Wissensstand Schritt halten muß.
Die bekannten hohen Preise für alle Verbrauchsgüter in der Schweiz werden nach Mitteilung der FMH durch aufwendige, teure Distributionskanäle mitverursacht. Um hier vermutete Wirtschaftsreserven zugunsten der ökonomischen Situation der Ärzte zu erschließen, hat die FMH die Gründung der "Allgemeinen Einkaufszentrale der Schweizer Ärzte" (AESA) angeregt, die ihren Mitgliedern Dienstleistungen und Verbrauchsgüter preiswert anbieten soll. Bei der AESA handelt es sich um eine Aktiengesellschaft schweizerischen Rechts, deren Anteile zu 51 Prozent von einer professionellen Handelsfirma gehalten werden. Die FMH, neben anderen ärztlichen Verbänden beteiligt, besitzt an den Anteilen eine Sperrminorität. Der Vorstand der AESA führt das operative Geschäft unabhängig. Die zu erwirtschaftende Rendite soll ein Prozent über dem jeweiligen Hypothekenzins liegen. Darüber hinausgehende Gewinne sind zur Preissenkung für die angebotenen Güter zu verwenden.


Einkaufszentrale für Ärzte: Zehn Prozent Marktanteil
Die AESA, 1995 gegründet, hat inzwischen zehn Prozent Marktanteil bei den niedergelassenen Ärzten erreicht, die in zunehmender Zahl ebenso wie kleinere Krankenhäuser ihren Bedarf mit Hilfe dieser Einkaufsgesellschaft decken. Die Gesellschaft bietet ihre Güter zu Nettopreisen ohne Rabattsysteme und ohne Bonus am Jahresende an. Die Bruttomarge beträgt, je nach Sektor, 5 bis 30 Prozent gegenüber Zahlen von 60 bis 80 Prozent beim üblichen Sanitätshandel. Die AESA beliefert Ärzte ausschließlich aufgrund eingegangener Bestellungen, die anhand eines Kataloges vorgenommen werden können. Der Vertrieb erfolgt nach dem Prinzip des Versandhandels. Die AESA, die zunächst einfache Verbrauchsgüter, zum Beispiel Einmalhandschuhe, Tupfer oder Rea-genziensätze vertrieben hat, erweitert ihr Angebotsspektrum inzwischen auf kleinere Geräte und beabsichtigt, auch Großgeräte einzubeziehen.
Der Versuch, zugunsten der Ärzte Marktgesetze in die Beschaffung von Verbrauchsmaterialien einzuführen, hat erste Erfolge zu verzeichnen: Die AESA kann ihre Produkte um 30 bis 40 Prozent niedriger anbieten als der übliche Sanitätshandel. Die Hersteller sind grundsätzlich zur Kooperation mit der AESA bereit, so daß auch die Möglichkeit erwogen werden kann, "No-name-Produkte" in den Vertrieb aufzunehmen. Der Fachhandel, den die Hersteller ihrerseits selbstverständlich nicht vernachlässigen dürfen, zeigt gegenüber der ärztlichen Einkaufsgesellschaft deutliche Zurückhaltung. Mit Hilfe kooperationswilliger Hersteller konnte die AESA inzwischen eine Logistik aufbauen, die eine Belieferung innerhalb der beim sonstigen Sanitätshandel üblichen Fristen sicherstellt.
Das System "niedrige Einkaufspreise, niedrige Infrastrukturpreise" verdient auch deswegen besondere Beachtung, weil im Rahmen einer Änderung der Vergütung ärztlicher Leistungen ärztliche Tätigkeit und technische Kosten gesondert honoriert werden sollen, die Notwendigkeit einer Senkung der Verbrauchskosten also auf der Hand liegt. Wenn auch die AESA keine Beratung ihrer Kunden zum Beispiel durch Vertreter durchführt, kann sie dennoch durch Auswahl der angebotenen Produkte auf dem Verbrauchssektor zur Sicherung der Qualität ärztlicher Leistungen beitragen. Die mit großem Interesse aufgenommene Darstellung der Einkaufsorganisation der Schweizer Ärzte dürfte die Vertreter öffentlich-rechtlich verfaßter Ärzteorganisationen gewiß anregen zu prüfen, ob und unter welchen Bedingungen sie in ihren Ländern ähnliche Strukturen schaffen können.

Zusammenschlüsse
Beim Thema "Zusammenschlüsse von Ärzten in freier Praxis" traten erhebliche rechtliche Unterschiede im deutschsprachigen Europa zutage: trotz der hohen, von Ausländern gelegentlich kritisierten Regelungsdichte sind solche Zusammenschlüsse in der Bundesrepublik Deutschland möglich, in Österreich mußte ihnen erst eine Entscheidung des Verfassungsgerichtes den Weg ebnen, in Südtirol ist die gemeinsame Berufsausübung von Ärzten seit langer Zeit üblich, in der Schweiz bestehen überhaupt keine rechtlichen Schwierigkeiten beim Zusammenschluß von Ärzten zu gemeinsamer Praxisausübung – hier genügt die Gründung einer einfachen Gesellschaft schweizerischen Rechts. E. D.

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