ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2000Präimplantationsdiagnostik: Anspruchsdenken verschließen

DOKUMENTATION: Diskussion

Präimplantationsdiagnostik: Anspruchsdenken verschließen

Dtsch Arztebl 2000; 97(28-29): A-1964 / B-1603 / C-1464

Klimm, Rolf

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LNSLNS Mit der In-vitro-Fertilisation hat man die Basis ärztlichen Handelns verlassen. Mit ESchG und Richtlinien zur PID versucht man jetzt Dämme aufzurichten, die wahrscheinlich nicht lange, auf keinen Fall ewig halten werden. Offen wird in einzelnen Diskussionsbeiträgen bereits von eugenischen Zielsetzungen gesprochen. Zuerst wollte man nur den Kinderwunsch von Paaren erfüllen, jetzt wird bereits von amerikanischen Gerichten ein Recht des Kindes auf körperliche und geistige Gesundheit festgelegt, demnächst wird ein behindertes Kind seine Eltern auf Schadensersatz verklagen können. Und niemand kann sich damit entschuldigen, das habe er nicht gewollt.
Erst 1968 wurde von der Bundesregierung das 1955 erlassene „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ endgültig für unwirksam erklärt, vorher war es nur dispensiert. Die Idee der Eugenik geht auf Sir Francis Galton zurück, welcher forderte, eine verantwortungsvolle Menschheit müsse ihre „Zuchtwahl“ selbst in die Hand nehmen, um die Bevölkerung vor einem vermeintlichen biologischen Niedergang zu bewahren. Und 1950 rief der Generalsekretär der American Eugenics Society aus: „In Zukunft wird der Mensch auf das 20. Jahrhundert zurückblicken und es das eugenische Jahrhundert nennen. Eugenik fegt wie eine große Religion über die Welt.“ Der Medizin wuchs die Rolle des Vollstreckers des sozial Wünschenswerten und scheinbar wissenschaftlich Erforderlichen zu. Wie es geendet hat, wissen wir. Was vergessen wurde, ist die Resonanz, welche diese Ideen seinerzeit hatten. Selbst die späteren Friedensnobelpreisträger Aiva und Gunnar Myrdal forderten ein schonungsloses Sterilisationsprogramm, und der amerikanische Physik-Nobelpreisträger W. Shockley wollte alle Menschen mit niedrigem IQ sterilisiert wissen. Zwangssterilisationen so genannter Erbkranker fanden bis in die jüngste Zeit in europäischen Ländern statt.
Und jetzt leben diese Ideen in neuem Gewand wieder auf. Statt der Zuchtwahl geht es jetzt um die Evolution, „es sei an der Zeit, dass der Mensch seine Evolution selbst in die Hand nehme“, so Nobelpreisträger James Watson auf einem Symposion der Universität von Kalifornien in Los Angeles 1998. Vordergründig wird die Notwendigkeit einer Keimbahntherapie mit dem bisherigen Misserfolg der somatischen Gentherapie begründet. James Watson stritt mögliche Erfolge der somatischen Therapieform rundweg ab, darauf könne man warten, „bis die Sonne erlischt“. Gerade die Möglichkeit des Verwerfens von misslungenen Keimen im Blastozystenstadium wurde von allen anwesenden Wissenschaftern (Molekularbiologen, Evolutionsbiologen, Ethikern) als der große Vorteil gegenüber der unsicheren somatischen Gentherapie ohne Widerspruch begrüßt. Keimbahntherapie sei schließlich nur eine Erweiterung der somatischen Gentherapie, gab der Molekularbiologe John Campbell zu verstehen. Sie verurteilten einhellig alle Versuche von gesetzlichen Reglementierungen von Keimbahneingriffen. Gewisse Bedenken scheinen aber doch zu bestehen, denn es wurde postuliert, dass keinesfalls genetische Veränderungen zwangsläufig von Generation zu Generation weitergegeben werden dürften, was durch den Einbau von Steuerungsmechanismen verhindert werden soll (eine Zusammenfassung ist im Internet unter http://www.ess.ucla.edu:80/huge/ report.html zugänglich).
Die evolutionsbiologische Notwendigkeit genetischer Defekte sollte bei der Diskussion genetischer Manipulationen nicht außer Acht gelassen werden. Unser Überleben beruht auf einem ständigen genetischen Lotteriespiel. Das hohe Maß genetischer Variabilität gehört zur Grundbedingung allen Lebens. Einen genetisch definierten Idealtyp gibt es nicht. Als Preis dafür haben wir die Anzahl mehr oder weniger genetischer Varianten zu zahlen. Aus zwingenden evolutionsbiologischen Gründen kann kein Mensch, kein Lebewesen, genetisch völlig unbeschädigt und gesund sein. Und deshalb ist es angemessen, selbst den Zustand gewöhnlicher Gesundheit nicht als naturgegebene Norm anzusehen oder gar als Menschenrecht einzufordern.
Die Medizin sollte sich jedem ihr angetragenen Anspruchsdenken verschließen, umso konsequenter, wenn dadurch ethische Konflikte vorprogrammiert sind. Bei Sterilität oder genetisch schwer belasteten Paaren, wie im Fall der Ethikkommission der Med. Univ. Lübeck, sollte man von einer Schwangerschaft abraten.
Die Ethik darf sich nicht dem so genannten Fortschritt anpassen, „die Seele ist um sehr vieles älter als der menschliche Geist“ ( K. Lorenz ).
Literatur beim Verfasser

Dr. med. Rolf Klimm
Bach 2, 83093 Bad Endorf
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