ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2000Asylbewerber: Richterliche Gewalt infrage stellen?

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Asylbewerber: Richterliche Gewalt infrage stellen?

Dtsch Arztebl 2000; 97(28-29): A-1966 / B-1663 / C-1475

Fischer, Wolfgang

Zu dem Beitrag „Zwischen Staatsraison und Patientenwohl“ von Heike Korzilius in Heft 23/2000:
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LNSLNS Die Reportage gibt durchaus den Status quo wieder. Sie beschreibt jedoch mehr die Situation, als dass sie politische Schlussfolgerungen zieht. Dennoch ist es wichtig, dass das Thema überhaupt behandelt wird. Auf folgende Punkte wurde leider unzureichend eingegangen:
1. Selbst Kriminelle dürfen von der Staatsgewalt nicht so behandelt werden, dass sie zu Tode kommen. Asylsuchende, die dem Terror ihrer Heimatländer zu entkommen suchen, die schutzlos sind, dürfen doch nicht derart behandelt werden? Es müsste zudem jedem Bürger der Ersten Welt bewusst sein, dass die desolate Situation mancher Staaten, denen Asylsuchende zu entkommen suchen, mitverursacht ist durch ein Weltwirtschaftssystem, das Vorteile für eine Seite auf Kosten der anderen Seite bedingt.
2. Wie vereinbart sich ein solches von der Staatsgewalt an den Arzt herangetragenes Ansinnen, sich ängstlich oder aggressiv wehrende Menschen gegen deren Willen zu behandeln, mit dem hippokratischen Eid? Dabei geht es nicht nur um die Gabe von Pharmazeutika, sondern auch um Begutachtungen.
3. Vorgeschobene Argumente wie Selbstschutz oder Vermeidung von Fremdgefährdung können angesichts der Gewalt durch staatlich angeordnete Zwangsmaßnahmen nicht akzeptiert werden. Zudem könnte durch mehr Zivilcourage auch seitens beteiligter Ärzte mehr Menschlichkeit walten. Auf einem Swissairflug nach Kinshasa haben zum Beispiel Passagiere einen gefesselten Afrikaner aus den Händen der Begleitpolizei befreit und dafür Sorge getragen, dass der Kongolese mit derselben Maschine zurück in die Schweiz fliegen konnte und dort auf freien Fuß gesetzt wurde.
4. Sollte nicht jeder Arzt, der egal in wessen Auftrag die Würde eines Menschen missachtet, mit standesrechtlichen Konsequenzen rechnen müssen?
Es kann doch nicht angehen, dass Deutsche sich wieder einmal hinter richterlichen Entscheidungen verstecken, so wie BGS-Arzt Merle. Die richterliche Gewalt infrage zu stellen, wäre der moralisch zu fordernde Beitrag des Arztes speziell nach dem Desaster des Dritten Reichs.
Dr. med. Wolfgang Fischer, Säntisstraße 24, 81825 München
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