ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2000Jugendpsychiatrie: Im guten Mittelfeld

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Jugendpsychiatrie: Im guten Mittelfeld

Dtsch Arztebl 2000; 97(28-29): A-1967 / B-1695 / C-1576

Schaff, Christa; Jungmann, Joachim; Lehmkuhl, Ulrike

Zu dem Beitrag „Psychisch kranke Kinder und Jugendliche: Stiefkinder des Gesundheitssystems?“ von Dr. Peter Pohl in Heft 16/2000:
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LNSLNS . . . Die ambulante psychotherapeutische und kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen ist tatsächlich bisher erst etwa zur Hälfte gedeckt. Seit 1988 hat sich nach unserer Einschätzung im Gegensatz zur Darstellung von Herrn Pohl die ambulante Versorgungssituation im Bereich der ärztlichen Kinder- und Jugendpsychotherapie und Kinder- und Jugendpsychiatrie jedoch deutlich gebessert. Es sind ca. fünfmal mehr Kollegen niedergelassen als 1988, allein in den letzten fünf Jahren hat sich die Zahl der niedergelassenen Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Jugendpsychotherapie verdoppelt.
Obwohl Herr Pohl die Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie im ambulanten Versorgungsbereich gänzlich vergisst, bezieht er sich bei der Beschreibung der stationären Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher vorzugsweise auf die Situation in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Deutschland. „Danach stand Deutschland in der Europäischen Union 1993 an vorletzter Stelle der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung durch Fachärzte.“ Diese Einschätzung ist nicht mehr aktuell: Inzwischen bewegt sich die deutsche Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, „was ihre Personalausstattung und institutionelle Verankerung betrifft“, im „guten Mittelfeld in Europa“ (Remschmidt in Z. Kinder- und Jugendpsychiatr. 28 [1], 2000). Die Zahl der ca. 5 500 kinder- und jugendpsychiatrischen Klinikplätze kann inzwischen als ausreichend angesehen werden. Bei einer rechnerisch ermittelten sechs- bis siebenmaligen Belegung eines Klinikplatzes pro Jahr ergibt sich eine klinische Behandlungskapazität von 35 000 bis 38 000 Behandlungsepisoden (Evaluation der Psych-PV, 1998). Wünschenswert ist jedoch der weitere Ausbau teilstationärer Einrichtungen, zum Beispiel von Tageskliniken.
Die Hinzuziehung der Krankenhausdiagnosenstatistik von 1997 eröffnet interessante Aspekte, zur Einschätzung des stationären Versorgungsbedarfes ist sie aber allein – zumindest bezogen auf die zum Teil unsinnigen Diagnosen bei Säuglingen, aber auch anderen Altersgruppen – wenig aussagekräftig, da Fragen nach der Bildung der ärztlichen Diagnose oder dem Einweisungsverhalten usw. unberücksichtigt bleiben.
Herr Pohl fordert am Ende seines Artikels, dass „neben dem monopolistischen Angebot zusätzliche ambulante und stationäre Einrichtungen geschaffen werden“ sollten. Wir können zustimmen, dass die ambulante psychotherapeutsche Versorgung durch spezifisch qualifizierte ärztliche und nichtärztliche Kinder- und Jugendpsychotherapeuten verdoppelt werden muss, wir fordern aber andererseits, dass weitere wohnortnahe teilstationäre Einrichtungen geschaffen und vor allem die Kooperation zwischen Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie und (nichtärztlichen) Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten deutlich verbessert werden sollte. Von einem „monopolistischen“ Angebot (was immer Herr Pohl damit auch meint) sind wir jedoch weit entfernt: In ca. 200 sozialpsychiatrischen Praxen wird ein fachübergreifender multimodaler Therapie- und Behandlungsansatz verwirklicht, bei dem mit Heilpädagogen, Sozialpädagogen u. a. im multiprofessionellen Team mehrdimensionale Behandlungskonzepte für Kinder, Jugendliche und ihre Bezugspersonen erarbeitet werden. Dabei ist die notwendige Kooperation ärztlicher und nichtärztlicher Therapeuten gegeben.
Am Abbau stationärer Betten um 40 Prozent zwischen 1991 und 1996 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und an dem Zuwachs ambulanter Praxen für Kinder- und Jugendpsychiatrie um ca. 60 Prozent im gleichen Zeitraum lässt sich das Versorgungskonzept der Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie unter dem Motto „ambulant vor stationär“ ablesen. Unser Ziel ist es, die wohnortnahe Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher weiter auszubauen und zu gewährleisten.
Für die einseitige Ausweitung stationärer psychotherapeutischer Einrichtungen für Kinder und Jugendliche sehen wir derzeit keinen Bedarf.
Dr. med. Christa Schaff
Vorsitzende BKJPP

Dr. med. Joachim Jungmann Vorsitzender BAG

Prof. Dr. med. Ulrike Lehmkuhl
Vorsitzende DGKJP
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