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Seuchenalarm in Berlin

Dtsch Arztebl 2000; 97(28-29): A-1970 / B-1698 / C-1579

Dinter, Andreas

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LNSLNS Medizingeschichte
Umfassende Darstellung

Andreas Dinter: Seuchenalarm in Berlin. Seuchengeschehen und Seuchenbekämpfung in Berlin nach dem II. Weltkrieg. Reihe: Geschichte(n) der Medizin, Band 002, Verlag Frank Wünsche, Berlin, 1999, 390 Seiten, kartoniert, 39 DM

Berlin, Winter 1946/47: Um die Läuseplage zu bekämpfen und einer Fleckfieberepidemie größeren Ausmaßes vorzubeugen, wurde von den Gesundheitsbehörden angeordnet, neben Heimkehrern und Flüchtlingen auch die Sozialrentner in das Entlausungsprogramm mit einzubeziehen. Diese mussten sich vor der Auszahlung der Rente mit DDT einsprühen lassen. Was damals im stark zerstörten Berlin den Ärzten und Medizinalbeamten große Sorgen bereitete, kennen die meisten Medizinstudenten heute nur noch aus Lehrbüchern. Auch andere Seuchen, die kurz nach Kriegsende nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen deutschen Großstädten grassierten, sind heute in der Bundesrepublik epidemiologisch zu vernachlässigen, wie zum Beispiel Poliomyelitis, Typhus oder Diphtherie. Die Geschlechtskrankheiten, denen damals die Alliierten aus nahe liegenden Gründen die größte Aufmerksamkeit schenkten, stellen mittlerweile kein gesundheitspolitisches Problem ersten Ranges mehr dar. In der „Stunde Null“ erwog man sogar allen Ernstes, „anzügliche“ Schlagertexte verbieten zu lassen, um die Syphilisgefahr zu bekämpfen.
Diese und andere Details erfährt man aus der Berliner medizinhistorischen Dissertation von Andreas Dinter, die auf umfangreichen Archivstudien beruht und bislang die umfassendste Darstellung zur Seuchengefahr in der unmittelbaren Nachkriegszeit darstellt. Berlin eignet sich als Fallstudie im besonderen Maße, denn diese Stadt gehörte zu den am stärksten zerstörten Städten in Deutschland. Außerdem hatte Berlin noch mehr als andere Städte mit dem Flüchtlingsproblem zu kämpfen.
Leider wird die Seuchenbekämpfung fast ausschließlich aus der Sicht der Medizinalverwaltung dargestellt. Autobiographische Quellen werden nur selten herangezogen. Auch auf Zeitzeugen-Interviews (oral history) hat der Verfasser aus unerfindlichen Gründen verzichtet. Diese Quellen hätten das Bild, das hier von der Seuchengefahr und ihrer mehr oder weniger erfolgreichen Bekämpfung gezeichnet wird, ergänzt.
Gleichwohl wird jeder, der sich für die Geschichte der Seuchen oder die Berliner Nachkriegsgeschichte interessiert, in dieser Publikation viel Neues entdecken, zumal auch an einschlägigem und seltenem Fotomaterial als Illustration nicht gespart wurde. Robert Jütte
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