ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2000Onychomykose: Aktuelle Daten zu Epidemiologie, Erregerspektrum, Risikofaktoren sowie Beeinflussung der Lebensqualität

MEDIZIN

Onychomykose: Aktuelle Daten zu Epidemiologie, Erregerspektrum, Risikofaktoren sowie Beeinflussung der Lebensqualität

Abeck, Dietrich; Haneke, Eckardt; Nolting, Siegfried; Reinel, Dieter; Seebacher, Claus

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LNSLNS Zusammenfassung
Im Rahmen der Foot-Check-Studie wurde eine bevölkerungsbezogene Prävalenz der Onychomykose in Deutschland von 12,4 Prozent ermittelt. Die Häufigkeit nahm mit steigendem Alter kontinuierlich zu. Hinsichtlich der Verteilung sind weiterhin Dermatophyten die häufigsten Erreger. Sie waren in der Studie für über 80 Prozent aller Nagelpilzerkrankungen verantwortlich. Die familiäre Disposition erwies sich als wichtigster prädisponierender Faktor der Onychomykose. Aufgrund der Erhebungen zur Lebensqualität ist die Onychomykose als ernst zu nehmende Erkrankung einzuschätzen und erfordert somit eine adäquate Behandlung.
Schlüsselwörter: Onychomykose, Epidemiologie, Prävalenz, Erregerspektrum, Lebensqualität

Summary
Onychomycosis – Actual Data Concerning Epidemiology, Pathogens, Risk Factors and Quality of Life
In the scope of the foot check study the population-based prevalence for onychomycosis amounted to 12.4 per cent, showing a continuous increase with higher age. Dermatophytes were the leading organisms responsible for more than 80 per cent of all cases of onychomycosis. Familial disposition was the most important predisposing factor for a fungal nail infection. According to the data referring to quality of life onychomycosis is a disease which has to be taken seriously and warrants an adequate therapy.
Key words: onychomycosis, prevalence, pathogens, quality of life

Obwohl Onychomykosen generell als häufige Infektionskrankheiten angesehen werden, liegen nur aus wenigen Ländern Daten zur Prävalenz in größeren Untersuchungskollektiven vor. Die Erhebungen beinhalten zudem nur teilweise eine klinische Untersuchung der Studienteilnehmer (Tabelle). Entsprechende Daten für Deutschland fehlten bislang. Diese wurden im Rahmen des nachfolgend vorgestellten Foot-Check-Programms erhoben, das neben Angaben zur Prävalenz Auskunft gibt über die Alters- und Geschlechtsverteilung, prädisponierende Faktoren sowie Fragen zur Beeinflussung der Lebensqualität. Das Foot-Check-Programm umfasst eine durch Dermatologen durchgeführte Studie, bei der die klinische Diagnose Fuß- beziehungsweise Nagelpilzerkrankung durch den Erregernachweis gesichert wurde sowie eine überwiegend durch Allgemeinärzte durchgeführte Erhebung, bei der Pilzinfektionen lediglich klinisch beurteilt wurden. Das Programm stellt den deutschen Beitrag zum europaweit durchgeführten Achilles-Projekt dar, das auf die Initiative der European Nail Society zurückgeht und durch die finanzielle Unterstützung von Janssen-Cilag ermöglicht wurde. Nachfolgend werden die wichtigsten, die Onychomykose betreffenden Untersuchungsergebnisse der Foot-Check-Studie vorgestellt.
Foot-Check-Studie
An der prospektiv durchgeführten Foot-Check-Studie beteiligten sich im Zeitraum von September 1997 bis November 1998 circa 600 in eigener Praxis niedergelassene Dermatologen. Die ersten 20 Patienten, die am festgelegten Untersuchungstag die jeweilige Praxis aufsuchten, wurden unabhängig vom Vorstellungsgrund nach erfolgter Zustimmung in die Studie eingeschlossen.
Neben der Erhebung personenbezogener Daten wurden die Füße der Studienteilnehmer einer standardisierten klinischen Untersuchung unterzogen. Bestanden pathologische Veränderungen, wurden diese festgehalten. Bei klinischen Hinweisen für eine Fuß- oder Nagelmykose erfolgten entsprechende mykologische Untersuchungen (Nativpräparat und kultureller Erregernachweis) sowie eine Inspektion des übrigen Integuments. Darüber hinaus wurden standardisiert mögliche prädisponierende Faktoren erfragt, die unter anderem vorliegende Fußfehlstellungen, Freizeitaktivitäten, metabolische und neurologische Begleiterkrankungen, vorausgegangene immunsuppressive oder antimikrobielle Therapien betrafen. Auch Fragen zur familiären Disposition und zur Lebensqualität wurden gestellt. Die als prädisponierend für eine Pilzerkrankung erhobenen Faktoren wurden einer multivarianten Regressionsanalyse unterzogen. 10 339 Personen wurden in die Studie aufgenommen, von denen die Mehrzahl der Altersgruppe der 18- bis 65-Jährigen (70 Prozent) angehörte. Ältere Patienten (über 65 Jahre) waren mit 17,4 Prozent, jüngere Patienten mit 12,6 Prozent vertreten. Das weibliche Geschlecht überwog (58 Prozent).
Klinische Hinweise für das Vorliegen einer Fuß- oder Nagelmykose fanden sich bei 31,6 Prozent (3 265 Patienten) aller Studienteilnehmer. Bei 1 285 Patienten lag eine durch Anlegen einer Kultur gesicherte Onychomykose vor, was einer Punktprävalenz von 12,4 Prozent entspricht. Die Prävalenzen für Pilzinfektionen der Haut beziehungsweise das gemeinsame Vorliegen einer Haut- und Nagelmykose lagen bei 10,7 beziehungsweise 18,2 Prozent. Nagelpilzerkrankungen traten kontinuierlich mit zunehmendem Alter häufiger auf, während für die Pilzinfektionen der Haut ab dem 50. Lebensjahr ein Plateauzustand erreicht wurde (Grafik 1). Männer hatten im Vergleich zu Frauen ein höheres Risiko für eine Nagelpilzinfektion. Grafik 3 zeigt die Erregerverteilung bei Nagelmykosen, die in über 80 Prozent von Dermatophyten verursacht werden. Unter den Risikofaktoren für eine Fußmykose war die familiäre Disposition in der multivarianten Regressionsanalyse das statistisch signifikanteste Merkmal, gefolgt von Fußfehlstellungen sowie der Benutzung öffentlicher Duschen. 25,3 Prozent der untersuchten Patienten mit einer durch Anlegen einer Kultur gesicherten Onychomykose gaben eine durch die Pilzerkrankung bedingte Einschränkung ihrer Lebensqualität und Schwierigkeiten im Alltag an (Grafik 2).
Onychomykoseprävalenz in Deutschland gestiegen
Die Foot-Check-Studie bestätigte auch für Deutschland die Bedeutung der Onychomykose als häufige Infektionskrankheit. Die zuletzt publizierten Daten zur Onychomykoseprävalenz in Deutschland, die bei den 35- bis 50-Jährigen Prävalenzraten von 2,4 Prozent und bei den über 60-Jährigen von 4,7 Prozent zugrunde legten (8), müssen aufgrund der vorliegenden Untersuchung deutlich nach oben korrigiert werden. Die höchsten Erkrankungszahlen fanden sich im höheren Lebensalter, was auch den Ergebnissen anderer internationaler Untersuchungen entspricht (Tabelle). Während vergleichbare Daten zur Häufigkeit der Onychomykose bei Kindern und jungen Erwachsenen bereits in den 60er-Jahren in Dresden ermittelt wurden (13), zeigen die jetzt erhobenen Prävalenzdaten bei den über 65-jährigen Patienten eine deutliche Zunahme. Im Kindesalter sind Nagelpilzerkrankungen dagegen eher selten, doch regelmäßig zu beobachtende Erkrankungen und auch bei immunkompetenten Kindern anzutreffen (5, 7, 13). Die kontinuierliche Zunahme der Onychomykoseprävalenz mit steigendem Alter weist auf altersabhängige, für eine Nagelpilzerkrankung prädisponierende Faktoren hin. Das vermehrte Auftreten der Erkrankung bei männlichen Patienten stimmt mit den international publizierten Daten über-ein (Tabelle). Das Erregerspektrum der Onychomykose dieser Studie entspricht den für den deutschen Raum publizierten Daten (1). Dermatophyten sind für die Mehrzahl der Nagelpilzerkrankungen verantwortlich, während Hefe- und Schimmelpilzinfektionen jeweils deutlich unter zehn Prozent als Erreger infrage kommen. Obwohl vielen mykologisch tätigen Ärzten Familien bekannt sind, bei denen über mehrere Generationen Nagelpilzerkrankungen auftreten, wurde die familiäre Disposition als wichtigster prädisponierender Faktor für eine Onychomykose bislang nur wenig beachtet. Dieser Faktor weist auf einen möglichen genetischen Anteil der Erkrankung hin, der auch von anderen Autoren in Erwägung gezogen wird (3, 14). Auf dem Boden einer genetischen Disposition könnte es dann durch entsprechende Umweltfaktoren zur Krankheitsrealisation kommen. Parameter, die die Lebensqualität erfassen, charakterisierten die Onychomykose eindeutig als Infektionskrankheit mit hohem physischen und psychischen Belastungspotenzial. Dies bestätigten eindrucksvoll zu diesem Thema publizierte Daten anderer Länder (4, 10) und rechtfertigen eine zeitgemäße, konsequente Behandlung (2). Die im Rahmen der Foot-Check-Studie erhobenen Daten werden bei der zukünftigen Planung von Onychomykosepräventionsstrategien wichtig sein und eröffnen Möglichkeiten, individuelle Risikoprofile zu erstellen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2000; 97: A 1984–1986 [Heft 28–29]

Literatur
 1. Abeck D, Gruseck E, Korting HC, Ring J: Onychomykose: Epidemiologie, Pathogenese, Klinik, Mikrobiologie und Therapie. Dt Ärztebl 1996; 93: A-2027–2032 [Heft 31–32].
 2. Abeck D: Onychomykose – Behandlungsbedürftigkeit und Therapieempfehlung. In: Plettenberg A, Meigel WN, Moll I, Hrsg.: Dermatologie an der Schwelle zum neuen Jahrtausend. Berlin: Springer 2000: 375–376.
 3. Clayton YM, Hay RJ: Epidemiology of fungal skin and nail disease: Roundtable discussion held at Dermatology 2000, Vienna, 17 May 1993. Br J Dermatol 1994; 130 (Supplement 43): 9–11.
 4. Drake LA, Patrick DL, Fleckman P, Andr J, Baran R, Haneke E, Sapede C, Tosti A: The impact of onychomycosis on quality of life: development of an international onychomycosis-specific questionnaire to measure patient quality of life. J Am Acad Dermatol 1999; 41: 189–196.
 5. Gupta AK, Sibbald RG, Lynde CW et al.: Onychomycosis in children: prevalence and treatment strategies. J Am Acad Dermatol 1997; 36: 395–402.
 6. Gupta AK, Jain HC, Lynde CW, Watteel GN, Summerbell RC: Prevalence and epidemiology of unsuspected onychomycosis in patients visiting dermatologists’ offices in Ontario, Canada – a multicenter survey of 2001 patients. Int J Dermatol 1997; 36: 783–787.
 7. Haneke E: Fungal infections of the nail. Semin Dermatol 1991; 10: 41–53.
 8. Haneke E: Therapie der Nagelmykosen. Hautarzt 1993; 44: 335–346. 
 9. Heikkilä H, Stubb S: The prevalence of onychomycosis in Finland. Br J Dermatol 1995; 133: 699–703.
10. Lubeck DP: Measuring health-related quality of life in onychomycosis. J Am Acad Dermatol 1998; 38: 64–68.
11. Roberts DT: Prevalence of dermatophyte onychomycosis in the United Kingdom: results of an omnibus survey. Br J Dermatol 1992; 126 (Supplement 39): 23–27.
12. Sais G, Jucglà A, Peyrí J: Prevalence of dermatophyte onychomycosis in Spain: a cross-sectional study. Br J Dermatol 1995; 132: 758–761.
13. Seebacher C: Untersuchungen über die Pilzflora kranker und gesunder Nägel. Mykosen 1968; 11: 893–902 .
14. Zaias N, Tosti A, Rebell G et al.: Autosomal dominant pattern of distal subungual onychomycosis caused by Trichophyton rubrum. J Am Acad Dermatol 1996; 34: 302–304 .

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Dietrich Abeck
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie
am Biederstein der Technischen Universität München
Biedersteiner Straße 29, 80802 München
E-Mail: D.Abeck@lrz.tu-muenchen.de

1 Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein (Direktor: Prof. Dr. med. Dr. phil. Johannes Ring) der Technischen Universität München
2 Ferdinand-Sauerbruch-Klinikum (Direktor: Prof. Dr. med. Eckardt Haneke) der Hautklinik, Wuppertal
3 Klinik und Poliklinik für Hautkrankheiten (Direktor: Prof. Dr. med. Thomas Luger), Münster
4 Abteilung für Dermatologie und Venerologie (Direktor: Dr. med. Dieter Reinel) Bundeswehrkrankenhaus, Hamburg
5 Hautklinik (Chefarzt: Prof. Dr. med. Claus Seebacher) des Krankenhauses Dresden-Friedrichstadt


´TabelleCC´
Epidemiologische Untersuchungen zur Prävalenz der Onychomykose
Erstautor/ Unter- Art der Unter- Probanden- Alters- Geschlechts- Prävalenz
Land suchungs- Unter- suchte rekrutierung struktur verteilung (%)
zeitraum suchung (n) (Jahre)
Heikkilä/ 1993 bis KI 800 Schul-, 6–80 ? > / 8,40
Finnland 1994 Arbeitsplatz-,
haus-
bezogene
Unter-
suchung
Gupta/ ? KI 2001 Multi- gesamtes ? > / 6,86
Kanada zentrische, Alters-
in dermatolo- spektrum
gische Praxen
durchge-
führte Unter-
suchung
Roberts/ 1990 F 9332 Bevölkerungs- > 16 ? > / 2,73
Groß- bezogene Jahre
britannien Untersuchung
Sais/ 1991 bis F 10007 Bevölkerungs- > 16 / > ? 2,60
Spanien 1992 bezogene Jahre
Untersuchung
KI, klinische Untersuchung; F, Fragebogen

Altersabhängige Verteilung mykotischer Nagel- und Hautinfektionen

Beeinflussung der Lebensqualität durch eine zugrunde liegende Onychomykoseerkrankung

Erregerverteilung der Onychomykose

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