ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2000Kinder des 20. Jahrhunderts: Zwischen Hoffnung und Ernüchterung

VARIA: Feuilleton

Kinder des 20. Jahrhunderts: Zwischen Hoffnung und Ernüchterung

Dtsch Arztebl 2000; 97(28-29): A-1988 / B-1676 / C-1572

Murken, Axel Hinrich

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LNSLNS Sosehr man das beginnende 20. Jahrhundert euphorisch als „Das Jahrhundert des Kindes“ (Ellen Key) begrüßt hatte, so sehr beklagte man an seinem Ende „Das Verschwinden der Kindheit“ (Neil Postman). Ein scheinbar deprimierendes Fazit, das angesichts der Erfolge der Medizin in den vergangenen hundert Jahren, die eine drastische Senkung der Kindersterblichkeit, eine breite Gesundheitsvorsorge und eine umfassende Jugendschutzgesetzgebung mit sich brachten, doch fast unverständlich erscheint. Diese Feststellung überrascht vor allem insofern, als besonders im vorigen Jahrhundert bedeutende Pädagogen, Kinderärzte, Psychologen und Soziologen die verschiedenen Phasen des heranwachsenden Kindes wie nie zuvor analysiert haben und dadurch seine Situation in der westlichen Welt ganz entscheidend verbessern konnten.
Diese widersprüchliche Einschätzung im Hinblick auf das Kind zwischen Hoffnung und Ernüchterung im Verlaufe von drei Generationen lässt sich kaum anschaulicher überprüfen als im Spiegel der Kunst des 20. Jahrhunderts, die parallel zu den Wissenschaften das Kind in all seinen Wesenszügen und Befindlichkeiten zu erfassen suchte. Die künstlerischen Darstellungen der Kinder im Laufe des 20. Jahrhunderts einmal im Rahmen einer Ausstellung zu dokumentieren, wie es im Frühjahr in Aschaffenburg und ab Mitte Juni in Koblenz geschieht, muss deshalb ein ebenso reizvolles wie auch anspruchsvolles Unternehmen sein.
Am Anfang des Begriffes „Kindheit“ steht im Zeitalter der Aufklärung der mahnende Ausruf von Jean Jacques Rousseau, dem ersten großen Vorkämpfer für die Kinder: „Die Natur will, dass die Kinder Kinder sind, ehe sie zu vernünftigen Wesen heranreifen.“ Doch er stieß letzten Endes erst im vorigen Jahrhundert auf breite Resonanz. Obwohl nach ihm zu Beginn des 19. Jahrhunderts herausragende Pädagogen wie Heinrich Pestalozzi und Friedrich Fröbel nachhaltig auf die besonderen Bedürfnisse, Gesetzmäßigkeiten und Bildungsmöglichkeiten des Kindes hingewiesen haben.
Für die westliche Zivilisation bekam das Kindsein aber im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erneut eine existenzielle Bedeutung vor dem Hintergrund einer sich zu Kleingruppen und Singlestrukturen wandelnden Gesellschaft. Zunächst geprägt von der industriellen und schließlich von der elektronischen Revolution, auf der einen Seite geschunden durch zwei Weltkriege, auf der anderen Seite unter der Obhut von Ärzten und Pädagogen gut betreut, kann man den Umgang mit dem Kind und seine Darstellung auch als Gradmesser für den sozialen und ethischen Wandel im vorigen Jahrhundert ansehen.
Nicht wenige Künstler des 20. Jahrhunderts, allen voran Pablo Picasso und Paula Modersohn-Becker, haben dem leibseelischen Wesen des Kindes eine hohe optische Präsenz und emotionale Eindringlichkeit gegeben, die bis heute ihre geheimnisvolle Aura, aber auch ihren Wahrheitsanspruch nicht verloren haben.
Dieses oft nicht leichte Heranwachsen des Kindes zwischen Erbe und Umwelt, Behütet- und Verlassensein in einer sich seit der Industrialisierung ständig wandelnden Erwachsenenwelt in Stadt und Land haben die Künstler seit dem Anbruch der Moderne schon früh erkannt. Das Wechselspiel der kindlichen Erfahrungen haben in der Vor- und Nachkriegszeit zahlreiche bedeutende Maler in Bildern und Skulpturen festzuhalten versucht. Die Exponate dieser thematischen Ausstellung präsentieren in eindrucksvoller Vielfalt Kinderbildnisse aller Altersstufen und aller Bevölkerungsschichten aus dem vorigen Jahrhundert. Sie zeigen das von Malern und Bildhauern als Modell sehr ernst genommene Kind in wechselnden Situationen, im häuslichen Umfeld oder in der Schule, in der Freizeit oder in der Fabrikhalle, in unbefangener Nacktheit oder in verschmutzten Arbeitsanzügen.
Die Bilder aus den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts geben noch direkt oder indirekt die Gefährdung der Kinder wieder, indem sie auf Hunger, Kinderarbeit, Unterdrückung, mangelnde Schulbildung und unvollständige medizinische Betreuung verweisen. Erst dann führte der lange Weg zum Schutz und zur Emanzipation des Kindes zu greifbaren Erfolgen.
Die Diskussion von Ärzten, Pädagogen und Bildungspolitikern darüber, was für die Erziehung, Gesundheit und Ausbildung der Kinder förderlich und durchsetzbar sei, sollte jedoch in der Öffentlichkeit im ganzen 20. Jahrhundert kein Ende finden. So ist es nicht verwunderlich, dass mahnende, anklagende Gemälde, Skulpturen und Fotografien lebenszugewandten, fröhlichen Kinderbildnissen gegenüberstehen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entfaltete sich die vom Journalismus herkommende Dokumentarfotografie zu einem wesentlichen Bestandteil der Kunst und lieferte zusätzlich zur Malerei und Plastik Kinderdarstellungen von hoher menschlicher Intensität. In der Ausstellung werden beispielsweise Fotos vor Augen geführt, die Geschichte gemacht haben, wie die aus dem Aufstand des Warschauer Gettos von 1944 oder das des vietnamesischen Fotografen Huynh Cong Ut aus dem Jahr 1972 mit den vor dem Napalmfeuer flüchtenden, entsetzten Kindern.
Seismographisch erfassen nahezu alle ausgestellten Bilder, Fotos und Skulpturen die Belastungen, die die Kinder durch die Erwartungshaltung und den Ehrgeiz der über sie entscheidenden Erwachsenen erfahren. Man spürt unterschwellig in einigen Darstellungen seit den 80er-Jahren
erneut eine Kritik heraus: Identitätsverlust, Verlassensein, frühe Eigenverantwortung, härterer schulischer und beruflicher Wettbewerb, wachsende Gewalttätigkeit. Was es auch für Gründe sein mögen, am schwersten wiegt wohl, dass eine ungefilterte Bilder- und Informationsflut durch die frei zugänglichen elektronischen Medien die kindlichen Fantasien zu beseitigen drohen.
All dies hat am Ende des 20. Jahrhunderts zu melancholischen, manchmal sogar abstrusen Kinderbildnissen geführt, die jede spielerische Heiterkeit und vor allem das vertrauensvolle Miteinander vermissen lassen. Das von Kulturkritikern wie Neil Postman und anderen befürchtete Verschwinden der Grenze zwischen Erwachsenen- und Kinderwelt, das Fehlen von Leitbildfunktionen finden in zahlreichen Beispielen ihre künstlerische Dokumentation. Doch jeglicher pessimistischen Haltung zum Trotz, die man mehrheitlich angesichts einer Vielzahl von Kinderporträts zu spüren scheint, sind gerade im vergangenen Jahrzehnt sehr optimistische Kinderdarstellungen von Künstlern aus unterschiedlichen Generationen ausformuliert worden.
Eindrucksvoll gibt diese Ausstellung die Gelegenheit, Vergleiche zwischen den ausgemergelten Arbeiterkindern der Künstlerin und Arztfrau Käthe Kollwitz, dem einsamen Waisenkind von Conrad Felixmüller zu den ernsten metaphorischen Porträts von Marlene Dumas, Kiki Lamers, Yoshitoma Nara zu ziehen. Reizvoll ist auch, die Entfaltung der bildhauerischen Werke vom Expressionismus bis zur Postmoderne zu verfolgen, von Margarethe Moll und Käthe Kollwitz bis zu den futuristischen Plastiken der Brüder Jake und Dinos Chapman.
Zieht man eine erste Bilanz, so reflektiert die Kunst als Spiegel der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht nur die Fragen und Antworten, wie man mit Kindern umgegangen ist und umgehen sollte, sondern es gesellt sich auch die nicht zu unterschätzende Frage hinzu, wie die Kinder seit der Nachkriegszeit die Erwachsenengesellschaft mitgeprägt haben. Hat nicht längst die Kinderkultur, beginnend mit den postmodernen Märchen eines Michael Ende über die Computerspiele bis zur Freizeitkleidung, auf die Welt des Erwachsenen im großen Maßstab abgefärbt? Die Erfahrung hat gezeigt, dass immer jüngere Kinder und Jugendliche Popstars werden, Firmen gründen, Romane schreiben, und immer früher sind die Erwachsenen bereit, sich von Verantwortung und Beruf zurückzuziehen, um einem ungestörten Hedonismus zu frönen.
Wo die Kindheit in der Dritten Welt von Hunger, Seuchen und Tod geprägt wird, da erfährt sie in einer in Freiheit und im Nahrungsüberfluss
lebenden westlichen Welt einen derartigen gesellschaftlichen Wandel, dass sie ganz neu überdacht werden muss. Zweifellos hat das Kindsein am Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert in einer schnelllebigen, global vernetzten Zeit nicht mehr die gleiche Bedeutung und die gleichen Qualitäten wie noch vor fünfzig oder hundert Jahren. Sie ist dadurch nicht unbedingt schlechter, aber sie ist eben anders geworden.
Überprüft man auch daraufhin die Kinderbildnisse des 20. Jahrhunderts, so fällt eine gewisse Verschiebung in der Darstellung des Kindes mit seinen Attributen wohl am meisten auf. Je mehr das Jahrhundert fortschreitet, desto weniger begegnet man dem Kind mit der Mutter, mit dem Vater, mit Geschwistern oder im lebhaften Miteinander mit Spielkameraden. Selbst die früher im Kinderbildnis anzutreffende, fast unabdingbare, innige Symbiose mit Spielzeug, mit der Natur oder mit Tieren wird man mit dem Ablauf des 20. Jahrhunderts in zunehmendem Maße vermissen. Deshalb sollte die Ausstellung über ihren reichhaltigen kunsthistorischen Fundus hinaus für den Betrachter auch Anlass sein, die Einstellung zum Kind als dem schutzbedürftigsten und bildungsfähigsten Mitglied der Gesellschaft anhand der Kinderbildnisse kritisch zu überprüfen.
Prof. Dr. med. Axel Hinrich Murken

Die Natur will, dass die Kinder Kinder sind, ehe sie zu vernünftigen
Wesen heranreifen.
Jean Jacques Rousseau

Paula Modersohn-Becker: „Mädchenbildnis“, Öl auf Pappe, 61 x 55,5 cm, Von der Heydt-Museum
Wuppertal

Huynh Cong (Nick) Ut:
„Vietnam-Kinder auf der Flucht (8. Juni 1972)“,
Fotografie, Associated Press

Jake und Dinos Chapman: „Piggy Back“, 1997/98, Fiberglas/Harz, Lack, Kunstharz und Schuhe, 150 x 65 x 55 cm, Courtesy Torch Gallery/Sammlung I. Witzenhausen, Amsterdam

Im Wienand Verlag, Köln, ist ein als Monographie angelegter Katalog erschienen. Er enthält 200 Seiten und über 150 Abbildungen (Preis: 38 DM; im Buchhandel: 78 DM). Die Ausstellung „Kinder des 20. Jahrhunderts“ ist nach Aschaffenburg bis 27. August im Mittelrhein-Museum, Florinsmarkt 15–17, 56068 Koblenz zu sehen. Informationen: Telefon: 02 61 / 12 95 01
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