ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2000Alzheimer: Der schöne Traum vom Impfstoff

AKTUELL: Akut

Alzheimer: Der schöne Traum vom Impfstoff

Dtsch Arztebl 2000; 97(30): A-2001 / B-1689 / C-1585

Koch, Klaus

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LNSLNS Wo wirklich gute Nachrichten fehlen, macht man sich auch mit kleinen Dingen Mut. Das Phänomen erklärt auch die Aufmerksamkeit, die jetzt ein „Alzheimer-Impfstoff“ auf sich gezogen hat. Forscher der irischen Firma Elan Pharmaceuticals hatten auf dem Alzheimer-Weltkongress in Washington die Ergebnisse einer Phase-1-Studie an 24 Patienten vorgestellt. Diese hatten eine einzige Injektion mit „AN-1792“ erhalten, einer synthetischen Variante des Beta-Amyloids. Dieses Protein ist der Hauptbestandteil der typischen Amyloid-Plaques im Gehirn der meisten Alzheimer-Kranken. Ergebnis der Injektion: „Der Impfstoff wurde gut vertragen“, folgerte Dr. Dale Schenk von Elan: „Es gab keine Nebenwirkungen.“ Derzeit läuft noch eine weitere Phase-1-Studie an 80 Alzheimer-Patienten, die insgesamt drei Injektionen erhalten sollen.

Dass dieses Resultat, das keinerlei Aussagen über Wirksamkeit zulässt, zur prominentesten Nachricht des Alzheimer-Kongresses wurde, sagt indes mehr über das Dilemma der Medizin als über die Überzeugungskraft der Daten. Durchbrüche gab es in Washington nicht zu vermelden. Gerade die Idee eines Impfstoffes setzt Fantasien frei: Eine Injektion, und man wäre das Problem los. Immerhin haben Elan-Forscher an Mäusen in die richtige Richtung weisende Wirkungen des Vakzins nachweisen können. Bei einem speziellen Tierstamm hat die Impfung eine Immunreaktion gegen Amyloid-Ablagerungen induziert und das weitere Wachstum der Plaques abgebremst. Allerdings gehört zu den Ungewissheiten der Alzheimer-Forschung auch die Frage, ob Amyloid überhaupt die treibende Kraft der Erkrankung ist oder nur eine Begleiterscheinung. Die Konsequenz der Studie ist denn auch nur, dass sie Voraussetzungen schafft für Phase-2-Studien, in denen an größeren Patientenzahlen Nebenwirkungen genauer untersucht und erste Hinweise auf Wirkungen gesammelt werden können. Elan hofft, 2001 solche Studien beginnen zu können.

Das irische Unternehmen wird die frühe Aufmerksamkeit für seinen Therapie-Kandidaten gefreut haben. Vorträge auf wissenschaftlichen Kongressen gehören mittlerweile fest zur PR-Strategie von Pharmafirmen. Solche Präsentationen werden dann von Presseerklärungen eskortiert, die sich aber weniger an Mediziner, sondern mehr an Wirtschaftsredaktionen und Investoren richten. Bezeichnend ist denn auch, wie die Börse auf die Nachricht reagiert hat: gar nicht. Der Kurs der Elan Corporations an der New-Yorker Börse gab seitdem sogar leicht nach. Ein Analyst erklärt die Skepsis: „Ich interessiere mich nicht für Phase-1-Daten. Die Quote der Kandidaten, die dann doch noch scheitern, ist zu hoch.“ Klaus Koch
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