ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2000Ärztetag Baden-Württemberg: Mehr Engagement für die Allgemeinmedizin

POLITIK

Ärztetag Baden-Württemberg: Mehr Engagement für die Allgemeinmedizin

Dtsch Arztebl 2000; 97(30): A-2010 / B-1698 / C-1594

Clade, Harald

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LNSLNS Für den Erhalt der beruflichen Unabhängigkeit und eine Stärkung des Stellenwertes des Hausarztes setzte sich der 4. Baden-Württembergische Ärztetag in Konstanz ein.

Die Ärzteschaft müsse den Patienten stärker in den Mittelpunkt rücken und dessen aktive Rolle und Autonomie beachten und nach Kräften unterstützen. Dem „klassischen“ Hausarzt müsse ein höherer Stellenwert in der Aus- und Weiterbildung eingeräumt werden, „damit die Mediziner wieder näher an den Patienten heranrücken können“, so der Tenor der Entschließungen und Diskussionsbeiträge während des 4. Baden-Württembergischen Ärztetages in Konstanz (am 14./15. Juli).
Die Vizepräsidentin der Lan­des­ärz­te­kam­mer, Dr. med. Ulrike Wahl, Stuttgart, die die Arbeitstagung zum Auftakt des Ärztetages vorbereitete, sagte, es sei ein politischer Skandal, dass erneut Kosten von einem Sozialversicherungszweig auf den anderen verlagert werden sollen und der Verschiebebahnhof um ein weiteres Gleis erweitert werden soll. Konkret: die Absichten von Bundesarbeitsminister Walter Riester, die Beiträge der Bundesanstalt für Arbeit an die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung um jährlich rund 1,2 Milliarden DM zu kürzen.
Ulrike Wahl: Mehr
Verantwortung
Wahl appellierte an die Kolleginnen und Kollegen „an der Basis“, die von der Bundesregierung ausgegebene Parole von mehr Transparenz und Information im Gesundheitswesen und die Aufklärung der Patienten ernst zu nehmen. Informationsrechte seien längst verbriefte Rechte, die nicht erst über ein neues Spezialgesetz zum Verbraucherschutz im Gesundheitswesen verankert werden müssten. Zur Patienten- und Bürgerautonomie gehöre auch, dass er Prioritäten zum Einsatz seiner finanziellen Mittel setze und mehr Verantwortung übernehmen müsse. Eine aus dem Plenum herangetragene These: Wenn es der rot-grünen Regierungskoalition gelinge, mit mehr Eigenvorsorge eine dritte Säule in der Altersvorsorge hochzuziehen, so sei es gerechtfertigt und in der „Erbengesellschaft“ auch finanzierbar, dass über die Kern- und Grundversorgung hinaus mehr Wahlfreiheit in der Gestaltung des Zusatzleistungskatalogs der Krankenversicherten zugestanden wird.
Der baden-württembergische Sozialminister Dr. Friedhelm Repnik sprach sich für die Entwicklung von integrierten Angeboten auf dem Gesundheitsmarkt aus. Die Abgrenzung der Gesundheitsbranchen von der Medizintechnik bis zum niedergelassenen Arzt, Krankenhaus und Reha sowie Kureinrichtungen müsse überwunden werden. Die baden-württembergische Lan­des­ärz­te­kam­mer bestärkte Repnik bei ihren Bestrebungen, ein regionales Schmerzkonzept zu etablieren. Zwar müssten auch im Gesundheitswesen noch vorhandene Rationalisierungsreserven mobilisiert und die Effizienz gesteigert werden; dies gelinge aber vor allem durch mehr Kooperation und die Bündelung aller Kräfte. Allerdings sei dies nicht mit „verkürzten Vertriebswegen“ zu erreichen. Es könne nicht angehen, dass die bewährte Arbeitsteilung im Gesundheitssektor durch die Ausschaltung einzelner Fachberufe zerschlagen werde. Auch der Medikamentenvertrieb könne nicht über internationale Internet-Agenturen bewerkstelligt werden. Baden-Württemberg werde in Kürze im Bundesrat einen Initiativantrag einbringen, der diese Essentials klarstelle. Die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Ärztekammern müssten aktiv in die Patienteninformation und -beratung eingeschaltet bleiben. Die verfassten Organe der Ärzteschaft müssten sich zu immer schwieriger
werdenden ethischen Grundsatzfragen äußern; die Enquetekommission „Recht und Ethik in der modernen Medizin“ benötige sachkundige Beratung der Entscheidungsträger vor allem im medizinischen Bereich. Der Sozial- und Ge­sund­heits­mi­nis­ter sprach sich für eine rasche Überarbeitung des universitären Kapazitätsrechtes aus.
Kolkmann: Allgemeinmedizin
höher bewerten
Der Ärztetag appellierte an die Verantwortlichen in Politik und an den medizinischen Fakultäten, die neue Approbationsordnungs-Novelle bald durchzusetzen. Die Modellversuche zur Integration von vorklinischem und klinischem Unterricht und zur praxisbezogenen Ausbildung der Medizinstudenten allein reichten nicht aus, um die praxisferne und zu theorielastige Ausbildung zu überwinden. Die Frontalvorlesung sollte durch Kleingruppenarbeit, durch patientenorientiertes Lernen und interaktive, interdisziplinäre Vorlesungen, Seminare und praktische Übungen ersetzt werden. Neue Lerninhalte wie etwa Informatik, Telematik, Qualitätsmanagement, Sozialwissenschaften und Betriebswirtschaftslehre müssten in das Medizinstudium integriert werden. An allen 35 medizinischen Fakultäten müssten Lehrstühle für Allgemeinmedizin geschaffen werden; der Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg, Prof. Dr. med. Friedrich-Wilhelm Kolkmann, beklagte, dass es im Südwesten nur einen „halben Lehrstuhl“ für Allgemeinmedizin gebe (in Ulm). Es sei deshalb nicht verwunderlich, dass der Medizinstudent den nächstverwandten Arztberuf des Internisten anstrebe. Dies zeige sich auch daran, dass die Hälfte der klinischen Ausbildungsstätten für Allgemeinmedizin derzeit nicht in Anspruch genommen und das Initiativ- und Förderungsprogramm Allgemeinmedizin, das Mittel bereithält, nicht ausgeschöpft werde. Allerdings, so Kolkmann, tue die Allgemeinmedizin noch zu wenig, um den Nachweis für ihre Eigenständigkeit zu erbringen. Die Arbeit der Lehrbeauftragten für All-
gemeinmedizin, der Mentoren und
Tutoren müsse finanziell und in
ihrer Reputation höher bewertet werden.
Hoppe: Patientenorientierte Ausbildung
Auch der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, setzte sich für eine Neuorientierung vor allem in der Aus- und Weiterbildung und für eine Stärkung der beratenden, sprechenden Medizin aus. Er brach eine Lanze für den Hausarzt, der der weitergebildete Allgemeinarzt sei. Auf die Rolle des künftigen Hausarztes müsse eine praxisorientierte Ausbildung während des Universitätsstudiums vorbereiten, sagte Hoppe. Dies erfordere eine Ausbildungszieldefinition und eine Ausrichtung der Curricula auf die sozialen und psychologischen Probleme der Patienten. Dem durch den medizinisch-technischen Fortschritt und die Wissensexplosion geförderten Trend zur Spezialisierung des Arztberufes müssten eine novellierte Ausbildungs- und Weiter­bildungs­ordnung entgegenwirken. Der Stellenwert der Medizin dürfe sich nicht auf ihren naturwissenschaftlich orientierten Anteil reduzieren. Hoppe: „Wir wissen, dass die kombinierte Kompetenz in der Betreuung körperlicher und seelischer Erkrankter unser großer Vorteil ist. Deshalb müssen wir das breite Feld des beratenden Arztes – also der ,sprechenden Medizin‘ – beackern und bestellen.“
Das paternalistische Verständnis der Rolle des Arztes im Umgang mit den Patientinnen und Patienten in medizinischen Fachfragen müsse überwunden werden. In einer aufgeklärten, mündigen Informationsgesellschaft müsse eine gleichberechtigte partnerschaftliche Patient-Arzt-Beziehung treten. Patientenautonomie, mehr Mitbestimmung und Entscheidungsfreiheit bei der Wahl der medizinischen Versorgung und Institutionen bedeute aber auch mehr Eigenverantwortung und eine aktive Rolle des Patienten und eine verlässliche Compliance mit dem Arzt. Hoppe: „Wir müssen bereit sein, aus unserer Profession heraus bei der Findung der richtigen Entscheidungen mitzuwirken. Wir dürfen uns deshalb einer Überprüfung des Leistungsgeschehens in der Medizin insgesamt nicht verschließen. Im Gegenteil: Wir müssen alles dafür tun, dass dies seriös und auf die Belange der Patienten bezogen, nicht nur an Krankheiten orientiert, gestaltet wird.“
Die Fakultäten rief Hoppe auf, mit den ärztlichen Körperschaften und den gewählten Vertretern der verfassten Ärzteschaft bei der Zukunftsgestaltung eng zusammenzuarbeiten. Dr. rer. pol. Harald Clade


Der 4. Baden-Württembergische Ärztetag stand unter dem Motto „Welche Ärzte braucht
das Volk?“. Foto links: Kammerpräsident Friedrich-Wilhelm Kolkmann; rechts: Gerhard Schade
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