ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2000„Arznei-Recycling“: Gestern noch Medikament, heute Sondermüll

POLITIK

„Arznei-Recycling“: Gestern noch Medikament, heute Sondermüll

Dtsch Arztebl 2000; 97(30): A-2012 / B-1700 / C-1596

Dercks, Klaus

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LNSLNS In Detmold stand ein Arzt vor Gericht, weil er unverbrauchte Arzneimittel an andere Patienten weitergegeben hat.

Dr. med. Bertel Berendes mag nicht verstehen, warum sich ein Arzneimittel von einem Tag auf den anderen verändern soll, nur weil der Patient es nicht mehr braucht. Tabletten, die von ihren Vorbesitzern nicht mehr gebraucht werden, gibt der Allgemeinarzt aus dem ostwestfälischen Lügde deshalb seit Jahren kostenlos an andere Patienten weiter. Dass Berendes Sparappelle wie den von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer beim Deutschen Ärztetag in Köln ernst nimmt, bringt ihm jede Menge Ärger ein – am 18. Juli musste er gar vor dem Landgericht Detmold erscheinen.
Ein Artikel in der Lokalzeitung über die einfache, aber wirkungsvolle Art der Kostendämpfung brachte die Gegner des Medikamenten-Recyclings auf die Barrikaden. Behörden und Apotheker wissen das Arzneimittelgesetz auf ihrer Seite: Es schreibt vor, dass bis auf wenige Ausnahmen die Abgabe von Medikamenten den Apotheken vorbehalten ist – denn nur der Apotheker könne gewährleisten, dass die ausgegebene Arznei korrekt gelagert wurde und die gewünschte Wirkung entfaltet.
Eine längst überholte Argumentation, finden die – übrigens nicht nur in der Ärzteschaft angesiedelten – Berendes-Sympathisanten: Das Argument der sachgerechten Lagerung habe gegriffen, als vor Urzeiten die meisten Arzneien noch lose im Schraubgläschen abgegeben wurden. Den im Karton geschützten, einzeln in Folie verschweißten Tabletten könne dagegen kaum ein Umwelteinfluss mehr etwas anhaben. Da sei vielmehr die Gesetzesvorschrift überlagert und gehöre dringend abgeschafft.
Die Gegner von Berendes’ Idee entwerfen ein Horrorszenario, in dem unwissende Patienten ihre Medikamente jahrelang im feuchtwarmen Badezimmer-Klima auf die Heizung legen und so die Wirkung zunichte machen, bevor der Doktor die Packung leichtfertig an den nächsten weiterreichen kann. Solch krasses Fehlverhalten braucht es jedoch nicht erst, um Arzneien zu „verderben“. Auch bei sachgerechter Lagerung, etwa im Dienstzimmer eines Pflegeheims, müssen überzählige Arzneien in den Müll: Nach dem Tod des Patienten etwa gehörten dessen restliche Medikamente vernichtet – dem Zimmernachbarn, der mit gleichem Bedarf die Packung aufbrauchen könnte, muss etwas Neues verschrieben werden. Braucht ein Patient also etwa nach einem Eingriff an den Herzkranzgefäßen noch für zehn Tage ein gerinnungshemmendes Medikament, bekommt er womöglich eines, dessen kleinste Originalverpackung 28 Tabletten enthält. Mit den restlichen Tabletten landet dann ganz ohne Not leicht ein Hundertmarkschein im Müll.
Solchen Irrwitz mag Bertel Berendes nicht einsehen. Er schätzt, dass jährlich ein Prozent der Arzneimittelkosten eingespart werden könnten, würden nur genug Kollegen seinem Beispiel folgen. Und wer würde nicht auch wie Berendes den Kopf schütteln, wenn er hört, dass fleißig Medikamente für humanitäre Hilfsprojekte gesammelt werden. Keine Behörde schützt dort die Menschen vor der Hilfe, die es hierzulande, weil zu gefährlich, gar nicht geben dürfte.
Beim ostwestfälischen Arznei-Recycling sind die Bataillone auf beiden Seiten in Stellung gegangen: Rund zwei Dutzend Kolleginnen und Kollegen haben schon im Frühjahr in einem offenen Brief bekannt, es Berendes gleichzutun, die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe hat in einer Resolution ihre Solidarität mit dem Allgemeinarzt bekundet, der BDA Westfalen-Lippe hat per Faxaktion für Unterstützung geworben. Der Rückenwind mag Berendes gut tun, aber auch ohne ihn würde er seinen Weg weitergehen: Zur Not, das steht für den Arzt fest, auch bis ins Gefängnis.
Ein Arzt, der ins Gefängnis geht, weil er Verschreibungskosten spart? Kein ganz abwegiger Gedanke, über Berendes schwebt ständig das Damoklesschwert existenzvernichtender Bußgelder: Die „Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs“ wollte ihm bei Androhung von 500 000 DM Ordnungsgeld oder gar Haft sein Verhalten wegen angeblichen Verstoßes gegen das Wettbewerbsrecht gerichtlich verbieten lassen. Doch so weit ließen es die Richter nicht kommen, als die Sache am 18. Juli verhandelt wurde: Sie konnten nicht erkennen, dass der Arzt im Wettbewerb mit Apothekern steht. Die einstweilige Verfügung blieb Berendes erspart. Doch im Raum steht nach wie vor die Drohung des Landrats des Kreises Lippe, der 50 000 DM Bußgeld angekündigt hat, falls Berendes weiterhin Medikamente an seine Patienten weitergibt. Klaus Dercks
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