ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/1996Geldanlage: Steigende Zinsen ante portas?

VARIA: Wirtschaft - Berichte

Geldanlage: Steigende Zinsen ante portas?

Jobst, Peter

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LNSLNS Zu Jahresbeginn schien alles klar: Die Zinsen waren bereits niedrig. Dennoch deuteten alle Signale auf eine weitere Senkung hin. Doch immer dann, wenn Analysten von einem Trend überzeugt sind, kommt die Wende: Bereits im Frühjahr kletterten die Renditesätze wieder deutlich, um derzeit im Bereich um 6 Prozent zu stagnieren. Entsprechend mußten Anleger insbesondere dann Verluste verbuchen, wenn sie auf langfristige festverzinsliche Wertpapiere gesetzt hatten. Wer Geld anlegt, sollte stets überlegen, wann er es braucht. Davon hängt auch derzeit die Strategie ab.


Derzeit stehen die Zinsen am Scheideweg: Für höhere Konditionen spricht insbesondere der Zinsanstieg in den USA. Hier kletterte die Rendite langlaufender Bonds bereits auf über sieben Prozent, und die jüngsten Signale für eine – blühende – Konjunktur lassen auf einen weiteren Zinsanstieg schließen. Hingegen spricht die wirtschaftliche Entwicklung in Mitteleuropa, speziell in Deutschland, eher für wieder sinkende Renditesätze: Die bereits stark angeschlagene Konjunktur würde durch höhere Zinsen endgültig abgewürgt – und dies kann weder im Interesse der Bundesregierung noch der Deutschen Bundesbank sein. Als Damoklesschwert schwebt jedoch sozusagen die Europäische Währungsunion auch über der deutschen Zinslandschaft: Da der Euro aufgrund seines Mischwährungscharakters voraussichtlich höher verzinst wird als heute die Deutsche Mark, deutet dies zumindest längerfristig auf steigende Zinssätze auch in Deutschland hin.


Konditionen: attraktiv
Darlehensnehmer können immer noch zufrieden sei: Im langfristigen Vergleich sind die aktuellen Konditionen angesichts der überquellenden Liquidität der Kreditinstitute weiterhin attraktiv. Daher lohnt es sich, etwa bei einer Immobilienfinanzierung auf eine möglichst langfristige Zinsbindung zu setzen und auf diese Weise das aktuelle Niveau über möglichst viele Jahre zu sichern. Das gilt insbesondere auch vor dem Hintergrund der Europäischen Währungsunion. Kommt der Euro tatsächlich in der geplanten Form, vermeiden Darlehensnehmer mit einer langfristigen Zinsfestschreibung mögliche Risiken.
Ganz anders die Situation für Geldanleger: Wenn die Zinsen steigen, bedeutet dies Kursverluste am Markt der festverzinslichen Wertpapiere. Diese Kursverluste werden um so höher ausfallen, je länger die gewählten Papiere noch laufen. Zumindest auf den ersten Blick sinnvoll wäre es daher, eine möglichst kurze Laufzeit anzustreben. Weil diese Taktik jedoch sehr viele Anleger eingeschlagen haben, sind die Zinsen im kurzfristigen Bereich ausgesprochen niedrig: Allenfalls 2,5 bis 4 Prozent lassen sich derzeit mit Festgeldern und Geldmarktfonds erzielen.
Sinnvoll ist daher eine Streuung des Anlagekapitals unter Berücksichtigung der persönlichen Vorstellungen: Wird das Geld innerhalb von ein bis zwei Jahren wieder benötigt, kommt lediglich eine entsprechend kurzfristige Anlage in Betracht. Um eine angemessene Rendite bei überschaubarem Risiko zu erzielen, sollte der persönliche Zeithorizont allenfalls um ein bis zwei Jahre überschritten werden. Besteht der Kapitalbedarf jedoch erst in einigen Jahren oder erfolgt die Anlage grundsätzlich zeitlich unbefristet, kann die Rendite durch Beimischung längerfristiger Titel aufgebessert werden. In Frage kommen hierbei insbesondere Papiere mit drei bis fünf Jahren Restlaufzeit, die selbst bei deutlich steigenden Zinsen wegen des immer näher rückenden Rückzahlungszeitpunkts keine nachhaltigen Kursverluste mehr erwarten lassen. Je größer die Risikobereitschaft, um so länger kann die Laufzeit der Papiere gewählt werden.
Ganz mutige Investoren setzen jetzt sogar wieder auf Anleihen mit mehr als 20 Jahren Restlaufzeit. Hier liegt die Rendite mit durchschnittlich 7,5 Prozent bereits wieder nahe am langfristigen Mittelwert von 8,1 Prozent. Allerdings empfiehlt sich diese Taktik nur bei entsprechender Risikobereitschaft und bei einem sehr langfristigen Anlagehorizont, der notfalls auch ein "Aussitzen" einer Börsen-Baisse ermöglicht.
Schließlich kann es sich lohnen, als Alternative andere Anlageformen in Betracht zu ziehen. Während Aktien immer noch ein "Hauch der Spekulation" anhaftet und sie daher von vielen Anlegern trotz der interessanten Renditechancen gemieden werden, können Genußscheine eine Lösung darstellen. Hier gibt es derzeit eine Reihe von Papieren, etwa zwei verschiedene Genußscheine des Lebensmittelkonzerns Edeka, die mehr als sieben Prozent Rendite abwerfen.
Wichtig dabei: Der Emittent sollte über jeden bonitätsmäßigen Zweifel erhaben sein. Denn schließlich werden Anleger bei den meisten Genußscheinen an möglichen roten Zahlen des Unternehmens beteiligt, im ungünstigsten Fall droht sogar der Kapitalverlust. Investoren sollten daher stets nur solche Papiere wählen, die einerseits eine hohe Rendite abwerfen, andererseits aber aufgrund der Solidität des Emittenten nur geringe Risiken bergen.


DM meist überlegen
Zurückhaltung ist hingegen bei hochverzinsten Papieren ausländischer Emittenten geboten: Einerseits – dies belegt der Fall Fokker – besteht oft keine Garantie, das eingesetzte Kapital wieder zurückzubekommen. Anderseits müssen Anleger bei Fremdwährungspapieren auch Kursrisiken fürchten. Zwar können Wechselkursschwankungen – wie etwa in den vergangenen 18 Monaten – zusätzliche Gewinne bringen. Zumindest in der Vergangenheit haben jedoch die meisten Fremdwährungsanlagen aufgrund der Stabilität der Deutschen Mark Verluste gebracht. Peter Jobst

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