ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2000Schilddrüsenkarzinom: Rekombinantes TSH für die Nachsorge

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Schilddrüsenkarzinom: Rekombinantes TSH für die Nachsorge

Dtsch Arztebl 2000; 97(30): A-2053 / B-1774 / C-1650

Bischoff, Martin

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nes gut differenzierten Schilddrüsenkrebses ein Rezidiv zu erleiden oder Metastasen zu entwickeln, beträgt nach fünf Jahren um die 15 Prozent und steigt nach 30 bis 40 Jahren auf mehr als 35 Prozent an. Eine lebenslange periodische Überwachung des Patienten ist deshalb dringend geboten.
Nachsorge-Verfahren sind die Ganzkörperszintigraphie und der Serum-Thyreoglobulin-Test. Beide Nachweismethoden hängen aber stark vom TSH-(Thyreoidea Stimulating Hormone-)Spiegel ab. Zum einen regt TSH Rezidive und Metastasen an, Radiojod zu speichern, zum anderen stimuliert es das Thyreoglobulin als Marker auf Schilddrüsenrestgewebe oder einen Tumor.
Endogenes TSH ersetzen
Die nach der Thyreoidektomie notwendige Behandlung mit Schilddrüsenhormonen führe aber dazu, dass das
TSH stark supprimiert wird, erklärte Prof. Christoph Reiners (Würzburg) während eines Symposiums anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin in München. Um vor der Nachsorgeuntersuchung oder auch der Therapie mit Radiojod TSH in ausreichender Menge zu sezernieren, muss deshalb nach bisherigem Vorgehen die Gabe von Schilddrüsenhormonen etwa vier Wochen vor Termin ausgesetzt werden.
Die Folge für die Patienten ist immer eine mehrwöchige iatrogene Hypothyreose mit Gewichtszunahme, Obstipation, Stoffwechselträgheit und einer Reihe anderer schwerer Symptome. Insgesamt könnten bis zu zehn Wochen vergehen, bis sich der Schilddrüsenhormonspiegel wieder normalisiert, betonte Reiners. Die Lösung des Problems ist die Gabe von exogenem TSH anstelle der endogenen TSH-Stimulation durch Schilddrüsenhormon-Karenz.
Bisher wurde TSH aus humanem Hypophysengewebe oder von Rindern gewonnen. Dieses kann nunmehr durch gentechnisch hergestelltes reines Human-TSH (rhTSH, Thyrogen®, Genzyme) ersetzt werden. Wie sich in verschiedenen Studien gezeigt hat, heben zwei oder drei Injektionen von jeweils 0,9 ml von i. m. appliziertem rhTSH den TSH-Serum-Spiegel über mehrere Tage auf ein vergleichbares Niveau wie endogenes TSH. Die zwei Tage nach Injektion gewonnenen Szintigramme bei der Radiojod-Ganzkörper-Szintigraphie im Zuge der Tumornachsorge entsprechen bei gut 90 Prozent der Patienten in der Qualität mindestens der früherer „Scans“.
In Kombination mit dem schilddrüsenspezifischen Tumormarker Thyreoglobulin steigt die Sensitivität der Szintigraphie unter rhTSH bis auf hundert Prozent an. Das rekombinante TSH wird im Allgemeinen gut vertragen. In den Studien der Phase III traten lediglich Kopfschmerzen (bei sieben Prozent) und Übelkeit (bei elf Prozent der Patienten) auf.
Die Vorteile des neuen Verfahrens für die Patienten mit gut differenziertem (papillärem oder follikulärem) Schilddrüsenkarzinom liegen auf der Hand: Die Hypothyreose bleibt ihnen erspart, die Lebensqualität wird erhalten. Außerdem verkürzt sich die Durchführung der Nachsorge mit Ganzkörperszintigraphie und Serum-Thyreoglobulin-Test auf etwa fünf Tage.
Erste Erfahrungen liegen auch bereits in der Anwendung von rhTSH in der Vorbereitung auf eine Radiojodtherapie vor. Die bisherigen Untersuchungen von Reiners erfolgten unter anderem an Patienten, die nicht in der Lage waren, zum Beispiel wegen Hypophyseninsuffizienz endogen ausreichend TSH zu generieren. Bei anderen Patienten konnte wegen eines schlechten Allgemeinzustands die Behandlung
mit Schilddrüsen-Hormonen nicht abgesetzt werden. Thyrogen ist seit über einem Jahr in den Vereinigten Staaten für den Einsatz in der Nachsorgediagnostik des Schilddrüsenkarzinoms zugelassen. Die europäische und damit deutsche Zulassung wird in Kürze erwartet. Martin Bischoff
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