ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/1996Oper „Der Mulatte“: Ein Drama gegen Intoleranz

VARIA: Feuilleton

Oper „Der Mulatte“: Ein Drama gegen Intoleranz

Steiner-Rinneberg, Britta

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LNSLNS In der 1950 in Massachusetts uraufgeführten Oper "Der Mulatte" (Musik: Jan Meyerowitz, Libretto: Langston Hughes), die 1971 in Neapel erstmals zu hören war und jetzt als deutsche Erstaufführung im Darmstädter Staatstheater herauskam, bildet das Südstaatenproblem Schwarz und Weiß den Konfliktstoff. Im alten Europa und Vorderen Orient trägt er nur andere Namen. Das Drama bleibt das gleiche: Rassenschranken und Überheblichkeit, Intoleranz und Machtmißbrauch.
Inhalt der Oper ist ein tödlich endender Vater-Sohn-Konflikt, eine ausweglos scheinende, ambivalente Beziehung: Der alternde Oberst Norwood hat mit seiner farbigen Haushälterin Cora drei Kinder, darunter Robert, den ihm in Aussehen und Art so fatal ähnlichen Sohn. Norwood erkennt ihn nicht an. Nach sechs Jahren Studium in der Fremde kehrt Robert auf die Farm zurück, um, nach Norwoods Willen, auf der Plantage mitzuarbeiten, wie das Heer seiner schwarzen Brüder, als einer der ihren. Das schmeckt Robert nicht mehr, er revoltiert. Es kommt zu einer harten Auseinandersetzung mit dem Vater, als er die gesetzten "Schranken" überschreitet und Paroli bietet. Da sieht der Alte rot: Er greift zur Pistole, will abdrücken – und kann es plötzlich doch nicht. Robert entwindet sie ihm. Ein kurzes Handgemenge, Schläge, dann drückt er zu, erwürgt den Vater mit der bloßen Hand und entflieht. Doch die Häscher sind schnell, den Dschungel im Sumpf zu erreichen gelingt nicht mehr. Um von seinen Verfolgern nicht als lodernde Fackel zur Belustigung der weißen Kolonie durch die Straßen gehetzt zu werden, jagt er sich die letzte Kugel selbst in den Kopf. Glasscherben auf der Bühne, zwei Tote – was tut’s? Alles wird weitergehen wie zuvor. Niemand lernt dazu, nichts ändert sich . . .
Die unter Claus Guths Regie herausgebrachte Oper "Der Mulatte": eine beispielhafte Aufführung des Staatstheaters, das, seine begonnene Reihe gegen Intoleranz fortsetzend, die Zuhörer mit einem heiklen Thema konfrontiert, einen mutigen Schritt nach vorn tut. Er wurde mit starkem Beifall für die ausgezeichnete Interpretation bedankt und vielen Bravos für die auf hohem Niveau singenden Protagonisten.
Christina Schmidts kalter, kalkweißer Bühnenraum mit "schwarzem Winkel", einem pompösen Armstuhl für Norwood und dem Porträt seiner verstorbenen Frau als einzigen Requisiten stellt Anforderungen an die Sänger, die sie prachtvoll erfüllen: Rebecca Turner ist eine darstellerisch überzeugende Cora. Hubert Bischoff spielt den Oberst, verdeutlicht großartig den quälenden inneren Zustand des im Grunde einsamen Mannes.
Bruno Caproni gibt mit ansprechendem Bariton den jungen Stürmer und Dränger Robert, Barbara Meszaros singt klar und tonschön Norwoods Tochter Sally, in der "Traumerzählung" auch die "junge Cora".
Meyerowitz’ durch das Orchester subtil wiedergegebene Musik trägt trotz aus Spirituals und Blues beruhenden Songs durchaus europäische Züge. Sie ist aufregend und faszinierend zugleich, sollte jeden Theatermann zum Nachspielen inspirieren.
"Der tiefere Entstehungsgrund der Oper war einfach mein eigenes Schicksal", bekennt freimütig der bei uns bislang noch völlig unbekannte Komponist. Als 20jähriger Student mußte er 1933 Hals über Kopf aus Berlin verschwinden, entkam der Gestapo, überlebte in Frankreich den Krieg. Erst 1946 gelang die lange geplante Auswanderung in die USA, wo Meyerowitz schnell zu Ansehen und Ruhm kam. Es wird Zeit, daß man seine Musik auch außerhalb Hannovers und Darmstadts endlich kennenlernt!
Britta Steiner-Rinneberg
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