ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2000Adipositas: „Virus-Hypothese“ legt an Gewicht zu

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Adipositas: „Virus-Hypothese“ legt an Gewicht zu

Koch, Klaus

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„Virus-Hypothese“ legt an Gewicht zu
Epidemie“ ist eine gerne gebrauchte Vokabel für die derzeitige Zunahme der Zahl der Dicken. Falls US-Forscher Recht haben, dann könnte der Begriff besser passen, als man ahnt: Schon vor drei Jahren hatte die Gruppe um Nikhil Dhurandhar und Richard Atkinson von der Universität Wisconsin ein Adenovirus (Ad-36) identifiziert, mit dem Dicke überproportional häufig infiziert waren. Von 313 Übergewichtigen (BMI > 27 kg/m2) hatten 19 bis 58 Prozent Antikörper gegen das Erkältungsvirus im Blut. Bei 92 Schlanken lag die Rate nur bei 4,3 Prozent (International Journal of Obesit 1998; 22: S57). In derselben Zeitschrift (2000; 24: 989) schildert die Gruppe nun Tierversuche, die zeigen, dass hinter dieser Assoziation durchaus mehr stecken könnte als Zufall.

Hühner und Mäuse, die die Wissenschaftler in vier Experimenten mit dem Virus infiziert hatten, überstanden die akute Infektion ohne Probleme, aber anschließend legten sie sich innerhalb von einigen Wochen 30 bis 70 Prozent dickere Speckpolster zu als nicht infizierte Artgenossen. Gleichzeitig wiesen die infizierten Tiere ungewöhnlich niedrigere Cholesterin- und Trigylcerid-Werte auf – eine Beobachtung, die die Forscher auch schon bei den Adipösen gemacht hatten, die Antikörper gegen Ad-36 trugen. Bislang wissen die Wissenschaft noch nicht, wie das Virus den Energiehaushalt beeinflusst. Der Appetit der infizierten Tiere änderte sich nicht; allerdings konnte man auch fünf Wochen nach der Infektion noch virales Erbgut im Fettgewebe von Hühnchen nachweisen. Möglich ist also, dass Ad-36 Fettzellen anregt, mehr Kalorien zu speichern.

Die Forscher räumen allerdings ein, dass man über die Bedeutung ihrer Beobachtungen für Menschen bislang nur spekulieren kann. Das Wissen über die Ursachen von Übergewicht ist bislang noch so lückenhaft, dass ein Virus auf der Liste der Hypothesen durchaus noch Platz findet. Das Problem des Forschungsfeldes ist, dass schon eine kleine, aber dauerhafte Verschiebung des Energiehaushalts genügt, um auf der Waage deutliche Folgen zu zeigen. Zur Abschätzung: In einem Kilogramm Körpergewicht lagern etwa 7 000 Kilokalorien. Um in einem Jahr ein Kilogramm zuzunehmen, reicht also eine tägliche Fehlbilanz zwischen Aufnahme und Verbrauch von etwa 20 Kilokalorien – also einem Stückchen Schokolade. Das ist nur etwa ein Prozent der täglichen Kalorienaufnahme. Klaus Koch
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