ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2000Globale Verantwortung – die Folgen von Durban

POLITIK: Medizinreport

Globale Verantwortung – die Folgen von Durban

Dtsch Arztebl 2000; 97(31-32): A-2087 / B-1768 / C-1578

Stüwe, Heinz

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LNSLNS Zwei Tage nachdem US-Präsident Bill Clinton am 10. Mai 2000 den weiteren Schutz von US-Pharma-Patenten, vor allem in den Ländern Afrikas, ablehnte, senkten fünf wichtige Pharmafirmen die Preise für Aids-Medikamente in Entwicklungsländern drastisch. Nachdem die UN ankündigten, Aids-Generika, die vor allem in Brasilien und Indien für die heimischen Märkte entwickelt wurden, auch nach Afrika zu exportieren, stellt die US-Regierung einen jährlichen Kredit von einer Milliarde US-Dollar zum Kauf von Aids-Medikamenten in Afrika in Aussicht. Nach UN-Schätzungen sind jährlich drei bis 3,5 Milliarden Dollar erforderlich. Wenn weitere Länder dem Beispiel der USA folgen, sollte die Summe auch erreichbar sein. Japan hat nach Durban bereits weitere Kredite zugesagt. Deutschland hat zuletzt 50 Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt (das ist halb so viel wie die US-Pharmafirma Bristol-Myers Squibb).
Bei der derzeitigen Diskussion um die Medikamentenversorgung in Entwicklungsländern geht es um die für Forschung und Entwicklung nach Ansicht der Pharmafirmen wichtige Forderung des geistigen Eigentums (Intellectual Property) auf der einen Seite und die nicht lizensierte Kopie von HIV-Substanzen gerade in Schwellenländern auf der anderen Seite. Aus Sicht der Entwicklungsländer sind mit Krediten, Medikamenten und Aids-Behandlungsprogrammen verbundene Auflagen oft eine Infragestellung ihrer Souveränität. Auf der Geberseite werden nicht zu Unrecht Korruption, vergleichsweise hohe Finanzausgaben für Verteidigungszwecke sowie halbherzige, oft ineffektive Aids-Strategien der betroffenen Länder kritisiert.
Zum ersten Mal wurde in Durban auch die Frage der Forschungsethik in Entwicklungsländern diskutiert. Zunehmend wird die so genannte „Federal-Express-Forschung“ kritisiert, bei der einheimische Ärzte Blut an renommierte Forschungslabors der Industrieländer schicken, bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen aber keine Berücksichtigung finden. Nicht beantwortet wurde die Frage, wie bei einer hohen Rate von Analphabeten Studienkonzepte, wie zum Beispiel „Informed Consent“, „Placebo“, „Randomisierung“, den Betroffenen überhaupt verständlich vermittelt werden können. Entsprechende Worte fehlen oft in ihrer Sprache. Die Idee, Teile der Forschung – wenngleich in kleinerem Rahmen – zuerst in den entwickelten Ländern durchzuführen und dann erst in Ländern der Dritten Welt zu erproben, haben Teilnehmer in Durban als zu „paternalistisch“ abgelehnt.

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