ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2000Britischer Ärztetag: Auf Konfrontationskurs mit der Regierung

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Britischer Ärztetag: Auf Konfrontationskurs mit der Regierung

Dtsch Arztebl 2000; 97(31-32): A-2088 / B-1768 / C-1664

Thomas, Kurt; Haufs, Michael G.; Gruhn, Christian; Wehling, soc. Pamela

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LNSLNS Beschlüsse über ein Berufsverbot für Ärzte, die Anabolika verschreiben, und die Pflicht, Patienten wieder zu beleben, sowie die Zukunft der Selbstverwaltung standen im Mittelpunkt des britischen Ärztetages.

Britische Ärzte, die Sportlern Anabolika und andere leistungssteigernde Substanzen verordnen, müssen künftig mit einem Berufsverbot rechnen. Der britische Ärztetag beschloss eine Bestimmung, die „Doping-Ärzten“ drakonische Strafen androht.
Der britische Ärztebund (British Medical Association, BMA), der landesweit die beruflichen Interessen von rund 75 000 Kolleginnen und Kollegen vertritt, zeigte sich besorgt über die weite Verbreitung von Anabolika und anderen illegalen, leistungssteigernden Substanzen. „Immer mehr Freizeitsportler fragen ihren Hausarzt nach einem Rezept für Anabolika“, sagte Dr. Ian Bogle, BMA-Chairman. „Die Verschreibung von Anabolika zur sportlichen Leistungssteigerung verstößt gegen die Berufsethik und muss bestraft werden.“ Der BMA zufolge hat eine Untersuchung ergeben, dass inzwischen rund zehn Prozent der in britischen Fitnessstudios trainierenden Bodybuilder Anabolika einnehmen. In neun von zehn Fällen geschehe dies, um „breiter und muskulöser“ zu werden. Nicht selten wisse der Arzt davon oder unterstütze sogar die Einnahme.
Die kürzlich in London beendete BMA-Jahrestagung verurteilte Versuche der Regierung, in die ärztliche Selbstverwaltung einzugreifen. Ge­sund­heits­mi­nis­ter Alan Milburn wurde vorgeworfen, er nehme den Fall Dr. Shipman zum Vorwand, um die ärztliche Selbstverwaltung zu untergraben. Shipman war kürzlich des Mordes an 15 seiner Patienten für schuldig befunden worden. Die Regierung behauptet nun, die ärztliche Selbstverwaltung habe versagt.
Die BMA forderte Krankenhäuser auf, Assistenzärzte nicht unter Druck zu setzen, Notfallpatienten im Fall eines Herzstillstandes nicht wieder zu beleben. Laut Dr. Bogle komme es „jährlich tausendfach“ vor, dass auf den Unfallstationen Patienten nicht wieder belebt würden, weil in den Krankenakten der Zusatz „do not resuscitate“ (nicht wieder beleben) vermerkt sei. Assistenzärzte würden oftmals von Krankenschwestern unter Druck gesetzt, einen entsprechenden Vermerk zu schreiben, weil dies einfacher sei. Die BMA verurteilte die Praktik und wies Krankenhausärzte auf ihre „moralische Pflicht zur Wiederbelebung“ hin.
Außerdem beschloss der Ärztetag, eine Untersuchung durchzuführen, die klären soll, ob in staatlichen Krankenhäusern ältere Patienten diskriminiert werden. Britische Patientenverbände berichten, dass ältere Patienten oftmals aus Kostengründen nicht die medizinisch notwendigen Behandlungen erhielten.
Schließlich forderte der Ärztetag vom Ge­sund­heits­mi­nis­terium die sofortige Abschaffung des neuen Patiententelefons „NHS Direct“. Damit befindet sich die Ärzteschaft auf Konfrontationskurs mit der Regierung, die plant, „NHS Direct“ bis Ende dieses Jahres landesweit auszubauen. Der Ärztetag befürchtet, telefonische Hotlines könnten den Hausarztpraxen die Patienten abspenstig machen.
„Es gibt inzwischen Studien, die belegen, dass ,NHS Direct‘ nicht die Erwartungen erfüllt“, so BMA-Chairman Dr. Ian Bogle. „Wir sind besorgt, dass die an Patienten gegebenen Informationen schlecht und oftmals falsch sind.“
Gegen „Patienten-Hotline“
Laut BMA kostet das Gesundheitstelefon jährlich „mindestens 80 Millionen Pfund“ (240 Millionen DM). Dieses Geld sei besser angelegt, wenn es in den NHS-Primärarztbereich investiert werde, so Dr. Bogle. Der BMA-Chairman erntete für seine aggressiven Angriffe auf die Labour-Regierung minutenlangen Beifall der rund 500 BMA-Delegierten.
„NHS Direct“ funktioniert so: Der Patient ruft zum Nulltarif eine einfach zu merkende Nummer an. Am anderen Ende der Leitung beantworten ausgebildete Krankenschwestern und anderes „medizinisch ausgebildetes Personal“ (Ge­sund­heits­mi­nis­terium) die Fragen des Patienten. Der BMA zufolge haben verschiedene Studien, unter anderem der Universität Sheffield, gezeigt, dass „NHS Direct“ weder den überlasteten Allgemeinärzten Arbeit abnimmt noch den Kranken nützt. „Neun von zehn Anrufen führen dazu, dass der Patient doch am nächsten Tag zum Hausarzt geht“, so Dr. Bogle. „Noch schlimmer ist, dass viele Informationen falsch und irreführend sind.“ Alle Anrufe bei „NHS Direct“ sind für den Anrufer kostenlos. Die Hotline ist rund um die Uhr besetzt. Kurt Thomas

Erntete Beifall für seine Angriffe gegen die Regierung: Dr. Ian Bogle, Vorsitzender der British Medical Association
Foto: BMJ/Ulrike Preuss
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