ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2000Vergangenheit: Es geht um massenhaftes Fehlverhalten

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Vergangenheit: Es geht um massenhaftes Fehlverhalten

Dtsch Arztebl 2000; 97(31-32): A-2095 / B-1775 / C-1671

Kreibich, H.

Zu dem Interview mit Prof. Dr. med. Eggert Beleites „Das Problem ist ja nicht weg aus unserer Zeit“ in Heft 27/2000:
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LNSLNS Die Position von Prof. Beleites, „ordentlich mit der Vergangenheit umzugehen und sie gut auszuleuchen“ und „sich eines sauberen Umgangs mit den Fehlern der Vergangenheit zu befleißigen“, ist sehr zu unterstützen. Es geht doch nicht um das ärztliche Fehlverhalten eines vor 47 Jahren bereits verstorbenen Prof. Ibrahim oder die Verbrechen eines Dr. Mengele, sondern das massenhafte Fehlverhalten von Psychiatern, Kinderärzten, Gynäkologen und anderen Ärzten im Dritten Reich. Den Ursachen und Zusammenhängen ist nachzugehen, damit heute in Deutschland wie anderswo die beiden Grundpositionen des Arztberufes Rationalität und Humanität nicht gefährdet werden. Besonders tabuisiert sind auch weiterhin soziologische Besonderheiten des Arztberufes. Während das soziale Engagement des Arztes gewünscht und die Einbindung ärztlicher Tätigkeit in das soziale Umfeld und Gefüge legitimiert ist, werden die biologistische Prägung dieses Berufes und die damit verbundenen Gefährdungen oft übersehen und verdrängt. Die Grenze zwischen Darwinismus und Sozialdarwinismus wurde und wird – nicht nur von Einzelnen – auch heute überschritten, man denke an tagtägliche Euthanasie, an tagtägliche Abwägung zwischen medizinischer Indikation, Ethik und Monetik, an den potenziellen und bereits tatsächlichen Missbrauch neuer Diagnostik- und Therapieverfahren für Selektionen und Züchtungen der Menschen.
Es wirkt auch recht heuchlerisch, wenn die Interviewer Frau Korzilius und Herr Gerst das gegenwärtige Problem auf die Analogie Nazi-Deutschland/DDR oder NSDAP/SED einengen wollen und dabei überdecken, dass in der Bundesrepublik erst seit 1968 die konservative Kontinuität in Frage gestellt wurde.
Es gibt für den ehrlich Interessierten sehr fundierte Informationen über die Vergangenheitsaufarbeitung in der alten Bundesrepublik Deutschland („Die westdeutschen Strafverfahren wegen NS-Tötungsverbrechen“, APA-Holland University Press und K. G. Saur Verlag 1998) und in der DDR („Das Schicksal der Medizin im Faschismus – Auftrag und Verpflichtung zur Bewahrung von Humanismus und Frieden“, Verlag Volk und Gesundheit, Berlin 1989, Nachdruck in Veröffentlichungen Medizin und Gesellschaft, Dr. L. Rohland).
Prof. Dr. sc. med. H. Kreibich, Rudolf-Breitscheid-Straße 8, 15732 Schulzendorf

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