ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2000Zur Stellung der deutschen Onkologie in Europa: Hospize sind keine Sterbekliniken

MEDIZIN: Diskussion

Zur Stellung der deutschen Onkologie in Europa: Hospize sind keine Sterbekliniken

Dtsch Arztebl 2000; 97(31-32): A-2112 / B-1793 / C-1603

Bausewein, Claudia; Hartenstein, Reiner

zu dem Beitrag Zur Stellung der deutschen Onkologie in Europa von Prof. Dr. med. Dieter Kurt Hossfeld in Heft 11/2000
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LNSLNS In seinem Beitrag äußert der Autor Besorgnis über die „paneuropäische Entwicklung der so genannten Palliativmedizin“. Sicherlich ist die Entwicklung der Palliativmedizin nicht zuletzt auch in Deutschland in den letzten Jahren beeindruckend und unserer Meinung nach Ausdruck eines nicht zu übersehenden Defizits in der Betreuung von unheilbar kranken und sterbenden Menschen. Da die Betreuung von unheilbar Kranken und Sterbenden Aufgabe jedes Arztes ist, ist es nicht verwunderlich, dass sich Kollegen aus verschiedensten Fachrichtungen wie Anästhesisten, Internisten, Neurologen, Allgemeinmediziner und auch Onkologen von der Palliativmedizin angesprochen fühlen. In Deutschland gibt es mittlerweile über 60 Palliativstationen und über 60 stationäre Hospizeinrichtungen sowie zahlreiche ambulant tätige Palliativ- und Hospizdienste, die Patienten und ihre Angehörigen sowohl stationär als auch ambulant betreuen. Neben Tumorpatienten werden besonders auch Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie der amyotrophen Lateralsklerose oder weit fortgeschrittenen internistischen Erkrankungen begleitet. Die Bezeichnung von Hospizen und Palliativstationen als „Sterbekliniken“ ist sicher nicht zeitgerecht und zeigt vielmehr, dass der Autor keine konkrete Vorstellung davon hat, was dort passiert oder eben nicht nur passiert. Die Entlassungsraten deutscher Palliativstationen betragen zwischen 30 und 60 Prozent. Die Verweildauer bis zur Entlassung beträgt durchschnittlich circa 14 Tage. Da die Betreuung in der letzten Lebensphase Aufgabe aller ärztlichen Kollegen ist, ist es dringend notwendig, die Prinzipien der Palliativmedizin in die medizinische Aus- und Weiterbildung einzubinden. Erfreulicherweise gibt es seit Herbst letzten Jahres den ersten Lehrstuhl für Palliativmedizin in Deutschland an der Universität Bonn und weitere Ansätze, Palliativmedizin in den Studentenunterricht zu integrieren. Auch die Bundes­ärzte­kammer hat Palliativmedizin in ihr Fortbildungsprogramm aufgenommen. Es wird zu Recht bemerkt, dass die Betreuung von Tumorpatienten auch bis zuletzt und gerade in der Phase, wenn die Lebensqualität und nicht die Dauer der verbleibenden Zeit in den Vordergrund tritt, in die Hand des Onkologen gehört. Dem stimmen wir durchaus zu. Deshalb müssen palliativmedizinische Grundprinzipien der Symptomkontrolle, Kommunikation und Sterbebegleitung von jedem Onkologen beherrscht werden. Mit abnehmender Wahrscheinlichkeit einer Heilung müssen palliativmedizinische Aspekte zunehmen. Sie müssen Hand in Hand gehen und dürfen nicht nacheinander erfolgen. Doch leider hören immer noch zu viele Patienten zum Zeitpunkt der Progredienz nach wiederholter Chemotherapie von ihren Onkologen, dass „nichts mehr für sie getan werden kann“. Die Möglichkeiten, die dem Patienten auch nach einer tumororientierten Therapie angeboten werden können, sind vielen Onkologen noch nicht ausreichend bekannt. Große Defizite in der Schmerztherapie und Kontrolle weiterer Symptome sind nicht von der Hand zu weisen. Solange wir außerdem nur Heilung oder Lebensverlängerung, nicht aber gute Symptomkontrolle, wahrhaftige Kommunikation und ein friedvolles Sterben als wertvolles Ergebnis bewerten, müssen wir uns nach unseren Zielen in der Betreuung sterbender Menschen immer wieder fragen lassen. Es bleibt die Frage, ob es die Palliativmedizin als eigenständige Fachrichtung braucht. Zunächst ist die Realität, dass es in Großbritannien seit über zehn Jahren einen eigenen Facharzt für Palliativmedizin gibt. In Deutschland gibt es noch keine konkreten Bestrebungen einer eigenständigen Fachrichtung, sicher aber Überlegungen über eine entsprechende Zusatzbezeichnung. Neben der Integration des palliativmedizinischen Ansatzes in den Alltag eines Onkologen, Neurologen, Strahlentherapeuten oder Allgemeinmediziners wird es aber immer Patienten mit schwer beherrschbaren Schmerzsyndromen und anderen unkontrollierten Symptomen oder starken psychosozialen Belastungen geben, die der speziellen Kenntnisse und Erfahrungen eines Palliativmediziners vor allem mit dem Zugriff auf ein multiprofessionelles Team bedürfen. Auch dies zeigt die Entwicklung in Großbritannien, dem Mutterland der Palliativmedizin.

Dr. med. Claudia Bausewein
Prof. Dr. med. Reiner Hartenstein
Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin
Palliativstation der 4. Medizinischen Abteilung
Städtisches Krankenhaus München-Harlaching
Sanatoriumsplatz 2, 81545 München

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