ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2000Schering AG: Immun gegen die „Fusionitis“

VARIA: Wirtschaft

Schering AG: Immun gegen die „Fusionitis“

Dtsch Arztebl 2000; 97(31-32): A-2116 / B-1797 / C-1509

Flintrop, Jens

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LNSLNS Fusionen und feindliche Übernahmen in der Pharmaindustrie mehren sich. Durch Konzentration auf wenige, aber starke Arbeitsgebiete und eine geschickte Aktienkurspflege gelingt es der Berliner Schering AG bis heute, ihre Eigenständigkeit zu bewahren.

Mit einem Umsatzwachstum von zwölf Prozent auf knapp 3,7 Milliarden DM und einer Steigerung des Gruppengewinns um elf Prozent auf eine Rekordhöhe von 272 Millionen DM war das Geschäftsjahr 1999 eines der erfolgreichsten in der Geschichte des Scheringkonzerns. Eine Dynamik bei Umsatz und Gewinn, die sich im ersten Quartal 2000 fortsetzte (siehe Tabelle 1). Das zweite Quartal, dessen Ergebnisse in diesen Tagen erwartet werden, dürfte den Trend bestätigen. Doch Erfolg weckt Begehrlichkeiten: Seit Jahren gilt der Berliner Pharmakonzern als heißer Übernahmekandidat für größere Konkurrenten wie Bayer oder BASF.
Zum Schutz vor feindlichen Übernahmen fährt Konzernchef Dr. med. Guiseppe Vita seit Jahren eine erfolgreiche Doppelstrategie: Der Sizilianer setzt zum einen auf eine Konzentration auf wenige, aber starke Kernarbeitsgebiete und zum anderen auf zufriedene Aktionäre, die ihre Papiere nicht verkaufen wollen.
Konzentration auf Nischen
„Wir fürchten keine Übernahme. Dafür sind wir zu spezialisiert“, wiederholt Vita gebetsmühlenartig in Interviews. Seit dem Verkauf der Chemiesparte (Anfang der 90er-Jahre) hat Schering sein Geschäft auf den Pharmamarkt und hier auch nur auf vier Bereiche fokussiert: Fertilitätskontrolle/Hormontherapie, Therapeutika, Diagnostika und Dermatologie. Somit bietet der Weltmarktführer für Antibabypillen bei einer Übernahme wenig Möglichkeiten für Synergieeffekte. Ein potenzieller, auf dem gesamten Pharmamarkt aktiver Käufer könnte mit den gewonnenen Schering-Kapazitäten kaum Größenvorteile in Forschung, Produktion oder Marketing erzielen, weil diese nur kleine Teilmärkte abdecken.
Seine Konzentration auf wenige Pharmabereiche unterstrich Schering jüngst mit zwei Akquisitionen: Durch den Kauf des US-amerikanischen Forschungs- und Entwicklungsspezialisten Diatide im Herbst 1999 sowie der Mehrheitsbeteiligung (60 Prozent) am französischen Unternehmen Oris/Cis bio im April 2000 stärkte der Konzern den Kerngeschäftsbereich Diagnostika, indem er ihn um das Gebiet Radiopharmaka erweiterte. „Bislang sind wir bekannt als weltweit führender Anbieter von Kontrastmitteln für Röntgen, Magnetresonanztomographie und Ultraschall. Mit der Erweiterung dieses Spektrums um Radio-Diagnostika werden wir künftig alle vier bildgebenden Verfahren bedienen und uns somit noch stärker als Unternehmen für In-vivo-Diagnostika profilieren“, sagte Vita auf der Haupt­ver­samm­lung in Berlin.
Zweites Standbein der bislang gelungenen Strategie zur Erhaltung von Scherings Selbstständigkeit ist der „zufriedene Aktionär“. Als erstes Unternehmen im Deutschen Aktienindex startete Schering im November 1998 ein Aktienrückkaufprogramm, das Ende letzten Jahres beendet wurde: 1999 wurden für 183 Millionen Euro knapp 1,7 Millionen Aktien zurückgekauft, eingezogen und vernichtet. Damit verringerte sich die Anzahl der Scheringpapiere auf 66 Millionen, und der Aktienkurs kletterte auf neue Rekordhöhen – bei gleicher Nachfrage führte die Reduzierung des Angebots zu steigenden Preisen. Dies wiederum stellt, in Verbindung mit hohen Dividenden (1999: 1,50 Euro plus 1 Euro Sonderausschüttung), den Aktionär zufrieden und macht einen Verkauf der Scheringaktie unattraktiv.
Zufriedene Aktionäre
Für das laufende Geschäftsjahr erwartet Scheringchef Vita ein zweistelliges Umsatzwachstum auf mehr als vier Milliarden Euro. Hauptumsatzträger soll wie in den Vorjahren Scherings Medikament zur Behandlung der multiplen Sklerose, Betaferon, sein (siehe Tabelle 2). Für den Gruppengewinn peilen die Berliner ebenfalls einen zweistelligen Zuwachs auf mehr als 300 Millionen Euro an.
Ende Juni korrigierte Schering darüber hinaus seine mittelfristigen Umsatzplanungen deutlich nach oben: Aufgrund „starker Impulse“ aus dem Gentechnikgeschäft soll das bisherige Ziel, 5,5 Milliarden Euro Umsatz bis 2005, bereits ein Jahr früher erreicht werden. Der Ge-
winn werde sich vergleichbar positiv entwickeln, sagte Forschungsvorstand Günter Stock.
Jens Flintrop

´Tabelle 1CC´
Kennzahlen des Scheringkonzerns (Beträge in Mio. Euro)
1. Quartal 2000 (1999) Gesamtjahr 1999
Umsatzerlöse 1 044 (838) 3 674
Bruttoergebnis   806 (648) 2 772
vom Umsatz
Betriebsergebnis   188 (143)   536
Ergebnis der gewöhnlichen   207 (149)   459
Geschäftstätigkeit
Ergebnis nach Steuern   109  (89)   278
Gruppengewinn   106  (87)   272
Ergebnis je Aktie 1,61 (1,29) 4,06
nach IAS (in Euro)

´Tabelle 2CC´
Umsatzentwicklung der Top-10-Produkte
Produktname in Mio. Euro Veränderung 99/98
Betaferon 454 +23 %
Iopamiron 307 +31 %
Magnevist 233 +18 %
Ultravist 219 + 5 %
Diane-35 171 +10 %
Betapace 157 +23 %
Microgynon 108 + 7 %
Femovan 103 – 5 %
Androcur  99 – 2 %
Triquilar  95 –16 %
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