ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2000Thrombolyse-Studie: Bei Senioren ist Vorsicht geboten

AKTUELL: Akut

Thrombolyse-Studie: Bei Senioren ist Vorsicht geboten

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): A-2129 / B-1805 / C-1721

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Viele Ärzte scheuen sich, bei hochbetagten Patienten mit akutem Myokardinfarkt eine Thrombolyse durchzuführen. Sie befürchten zerebrale Blutungskomplikationen, deren Risiko mit zunehmendem Alter des Patienten ansteigt. Die Studienlage zu dieser Frage ist allerdings unbefriedigend. In den großen klinischen Untersuchungen zur Thrombolysetherapie waren weniger als zehn Prozent der Teilnehmer über 75 Jahre alt, und spezielle prospektive Studien mit Senioren sind niemals durchgeführt worden. David Thiemann von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore legt jetzt eine retrospektive Auswertung von 7 864 Medicare-Patienten im Alter von 65 bis 86 Jahren vor, die mit Symptomen eines Myokardinfarkts in die Klinik aufgenommen wurden (Circulation 2000; 101: 2239–2246).

In der Gruppe der 65- bis 75-Jährigen wurden drei Viertel thrombolysiert – mit gutem Ergebnis: Die Kliniksterblichkeit betrug 6,8 Prozent gegenüber 9,8 Prozent unter den Patienten, die lediglich mit Heparin und Acetylsalicylsäure behandelt wurden, aber keine Thrombolyse erhielten. Ganz anders war die Situation bei den 75- bis 86-Jährigen. In dieser Altersgruppe wurde noch bei 60 Prozent der Patienten eine Thrombolyse durchgeführt – mit ungünstigem Ergebnis: Die Kliniksterblichkeit lag mit 18 Prozent deutlich höher als bei den Patienten, bei denen die Ärzte auf eine Thrombolyse verzichteten. Hier starben 15,4 Prozent in der Klinik. Die um 38 Prozent erhöhte Sterblichkeit war auf eine vermehrte Rate auf Schlaganfälle und Blutungen zurückzuführen.

Kardiologen raten bei älteren Menschen eher zu einer Ballondilatation (PTCA). Im letzten Jahr hatte eine retrospektive Studie ergeben, dass die Revaskularisierung der Thrombolyse bei 75-Jährigen signifikant überlegen ist (JAMA 1999; 282: 341–348). Die American Heart Association hatte damals daraus geschlossen, dass beide Verfahren bei älteren Menschen indiziert sind. Vielleicht geschah dies aus der Verlegenheit heraus, dass nicht alle Kliniken die Möglichkeit zur PTCA haben, während eine Thrombolyse in den meisten Krankenhäusern möglich ist. Die neue Studie von Thiemann zeigt jedoch, dass Kardiologen bei einem über 75-Jährigen genau abwägen sollten, bevor sie eine Thrombolyse einleiten. Wenn eine PTCA innerhalb von 60 bis 90 Minuten möglich ist, sollte sie immer einer Thrombolyse vorgezogen werden. Rüdiger Meyer
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