ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2000HIV/Aids in Deutschland: Keine Entwarnung

POLITIK

HIV/Aids in Deutschland: Keine Entwarnung

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): A-2140 / B-1816 / C-1708

Richter, Eva A.

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LNSLNS HIV und Aids sind in Deutschland keineswegs auf dem Rückzug, dennoch werden die finanziellen Mittel für Prävention und Forschung gekürzt.

Trotz der bisherigen Erfolge bei der Prävention von HIV und Aids darf das Thema nicht in den Hintergrund treten. Darüber sind sich die Berliner, die Deutsche und die Hannöversche Aids-Hilfe sowie das Berliner Auguste-Viktoria-Krankenhaus einig. Gemeinsam veranstalteten sie vom 11. bis zum 13. August den zweiten bundesweiten Kongress „HIV im Dialog“ in Berlin. Einer der Schwerpunkte war die internationale Zusammenarbeit, besonders mit den östlichen Nachbarn. Denn gerade dort steigt die Rate der HIV-Neuinfektionen in den letzten Jahren deutlich an.
Die jährlichen Repräsentativerhebungen „Aids im öffentlichen Bewusstsein“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Köln, lassen erkennen, dass sich die deutsche Bevölkerung seit 1994 immer weniger über die Erkrankung und Präventionsmöglichkeiten informiert. Obwohl sich bei uns die epidemiologische Situation vergleichsweise günstig darstelle, dürfe es keine Entwarnung geben, erklärte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer in ihrem Grußwort zum Kongress.
Doch die Haushaltsmittel für die Aids-Aufklärung werden nach Angaben der Bundeszentrale stetig gekürzt: von 50 Millionen DM im Jahr 1987 auf 31 Millionen DM 1990 und jeweils 18 Millionen DM in den Jahren 1999 und 2000. Die Direktorin der BZgA, Dr. med. Elisabeth Pott, befürchtet, dass durch die geringere Aufklärungsdichte, die der deutliche Mittelrückgang mit sich bringt, „Entwarnungs- und Vergessenseffekte“ auftreten. Die Notwendigkeit der Prävention dürfe nicht unterschätzt werden. Auch die Deutsche Aids-Hilfe forderte die Bundesregierung auf, mehr Geld zur Verfügung zu stellen.
Noch ist die Bereitschaft in der Bevölkerung, sich vor der Ansteckung mit dem HI-Virus zu schützen, groß. Dies bestätigen die Ergebnisse der BZgA-Studie von 1999. Doch das tatsächliche Schutzverhalten, das sich im Verlauf der Aids-Aufklärungskampagne zunächst kontinuierlich ausgebreitet hatte, stagniert seit 1996. So stieg der Anteil der 17- bis 44-jährigen Alleinlebenden, die Kondome verwenden, von 58 Prozent 1988 auf 73 Prozent 1996, blieb aber seither weitgehend konstant. Unter den Befragten mit mehreren Sexualpartnern pro Jahr ist sogar ein Abwärtstrend feststellbar. Während sich 1996 84 Prozent mit Kondomen vor einer Infektion schützten, taten dies 1998 nur 76 beziehungsweise 1999 78 Prozent.
Die Zahl der HIV-Neuinfektionen bleibt konstant beziehungsweise steigt leicht. Die Gründe dafür sieht Dr. med. Osamah Hamouda vom Robert Koch-Institut, Berlin, einerseits in einer tatsächlichen Zunahme der Infektionsrate und andererseits in einer besseren Erfassung. „Die Daten stammen aus den Meldungen der positiven HIV-Tests, die nicht gleichbedeutend mit den neuen Infektionen sind“, erklärt der Epidemiologe. Diese würden den realen Zahlen aber am ehesten entsprechen. Nach Berechnungen für das erste Halbjahr 2000 liegt die jährliche Neuinfektionsrate in Deutschland bei etwa 2000. Derzeit leben rund 37 000 HIV-Infizierte in Deutschland, davon sind etwa 29 000 Männer und 8 000 Frauen. Bei ungefähr 5 000 Personen ist die Erkrankung bereits zum Vollbild Aids fortgeschritten. Etwa 500 Menschen erkranken jährlich an Aids, 600 sterben daran. Die Zahl der HIV-infizierten Kinder liegt unter 400, da durch Präventionsmaßnahmen eine Mutter-Kind-Übertragung in vielen Fällen verhindert werden kann.
„Nach wie vor erfolgt die überwiegende Zahl der Neuinfektionen über homosexuelle Kontakte“, erläutert Hamouda. Die Rate beträgt im ersten Halbjahr 2000 etwa 50 Prozent; die Infektionsrate über heterosexuelle Kontakte liegt bei 17 Prozent. Der Anteil der i.v-Drogenkonsumenten unter den HIV-Neudiagnosen ist etwas gesunken (14 Prozent 1999, 12 Prozent 2000).
Dafür hat in den letzten Jahren der Anteil an Personen aus HIV-Endemiegebieten an den Neuinfektionen zugenommen und liegt derzeit bei 20 Prozent. „Migranten sind für die Prävention häufig schwer zugänglich“, berichtet Prof. Dr. med. Norbert H. Brockmeyer, Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft e.V. Im Juli/August startet die Deutsche Aids-Gesellschaft, unterstützt vom Land Nordrhein-Westfalen, ein Projekt im Ruhrgebiet, bei dem sich ausländische Sozialarbeiter gemeinsam mit Psychologen direkt an diese Zielgruppe wenden. „Da sexuelle Tabus bei diesen Personen stärker ausgeprägt sind“, so Brockmeyer, „müssen wir nach neuen Wegen in der Aids-Hilfe suchen.“ Dr. med. Eva A. Richter

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