POLITIK: Kommentar

Kulturberuf Arzt

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): A-2141 / B-1817 / C-1709

Weinhold, Ernst-Eberhard

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LNSLNS Vielleicht ist es schon zu spät, der Arztberuf ist in den ökonomischen Treibsand geraten. Die kriminelle Energie des „rationellen Verhaltens“, hinter dem eigenen Vorteil herzujagen und dann den Erfolg des Verhaltens und Agierens am finanziellen Resultat zu messen, hat nun auch ihn erfasst. Ist das das Ende des „Kulturberufes Arzt“?
Möglicherweise gibt es inzwischen nur zu viele Ärzte; das allein kann es aber nicht sein. Nicht mehr der Beruf bestimmt den ärztlichen Alltag. Er wird übersteuert von sozialen und ökonomischen Zielen, die ihn unmittelbar in Anspruch nehmen. Mittelbar gehörten die sozialen und ökonomischen Verhältnisse einer Gesellschaft schon immer zu den Bedingungen, unter denen die Ärzte ihrem Beruf nachgingen.
Nirgends ist zu lesen, dass sie sich aussonderten wie andere Stände. Stets waren sie mittendrin, meistens selbstverständlicher als die Durchschnittsbürger, eben von Berufs wegen. Es war nicht notwendig, ihnen das vorzuschreiben, es war ihre „Kultur“. Ausnahmen gab es immer und wird es immer geben. Aber waren Staaten, Fürsten, politische Führer besser, verlässlicher, selbstloser? Niemand ist je auf die Idee verfallen, bei diesen die Vorbilder für die Ärzte zu suchen.
Auch die Gesetzgeber für ärztliche Standesordnungen vom frühen Mittelalter bis heute, von Ostasien über die ägyptische, indische, arabische und abendländische Heilkunst bis zur Gesetzgebung von 1883 gingen von einem grundsätzlich intakten „Kulturberuf Arzt“ aus. Die Bundesärzteordnung beschreibt den Arztberuf als freien, dienenden Beruf.
Heute ist alle Welt zu fein zum Dienen. Die Hybris der Menschen und der „Tanz um das goldene Kalb“ haben den Begriff diskriminiert. Alle wollen in erster Linie verdienen. Für einen „Kulturberuf Arzt“ ist kein Reservat, dessen Inhalt in erster Linie Dienst am anderen ist. Dienen hat nichts mit Unterwürfigkeit zu tun: Dienen schließt Verlässlichkeit und zielgerichtetes Handeln ein; im Arztberuf sogar notfalls koste es, was es wolle. Da liegt das Urvertrauen zum Beruf, und aus der Hoffnung, dass davon genug erhalten ist, bringen die Umfragen dem Arztberuf immer wieder gute Noten.
Will die Gesundheits- und Sozialpolitik einen Arztberuf schützen und stützen, so wie ihn die Bürger sich wünschen, muss sie ihn zuallererst aus dem Teufelskreis der ökonomischen Gängelei befreien. Werden den Ärzten wieder jene Handlungsräume zugebilligt, in denen sich auch im Einzelfall engagiertes Dienen entfalten kann, eröffnen diese auch die Chance, Dienst und Verdienst in Einklang miteinander zu halten.
Doch von Achtung und Vertrauen in solche Selbstregulierungskräfte ist die herrschende Politikerklasse weit entfernt. Auf Egoismen zu setzen, signalisiert der Zeitgeist. Die Ärzte selbst stützen ihn, wenn sie ihr Vertrauen zueinander immer weniger pflegen und das Bewusstsein, einem „Kulturberuf“ anzugehören, zunehmend verlieren. Das wird den Weg zurück erschweren und die Vorherrschaft fremder gesellschaftlicher Triebkräfte über den Arztberuf festigen.
Es ist nicht der richtige Weg für die Ärzte, sich in immer kleinere Interessengemeinschaften zusammenzuschließen und dem Zeitgeist entsprechend kleine ökonomische Nischen zu suchen. Die Ärzteschaft muss aus der Tradition ihres Berufes heraus dem Zeitgeist Paroli bieten, sich über alle Tätigkeitsbereiche zusammenschließen und ihr berufliches Selbstbewusstsein, nicht ein Beruf zu sein wie jeder andere, wiederfinden.
Prof. Dr. med. Ernst-Eberhard Weinhold
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