ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2000Bürokratische Pflegeblüten

POLITIK: Die Glosse

Bürokratische Pflegeblüten

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): A-2142 / B-1818 / C-1710

Bourmer, Horst

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LNSLNS Der Soziologe Max Weber (1864 bis 1920) hat die bürokratische Herrschaft als wesentliches Kennzeichen moderner Gesellschaften bezeichnet.
Nachdem die Schule und die Universität von Bildungsanstalten bereits in den 60er-Jahren zu bürokratischen Organisationen erfolgreich „weiterentwickelt“ worden sind, sind nun die Glanzlichter der bürokratischen Rationalität im Gesundheitswesen zu besichtigen.
Wir Ärzte haben in den letzten Jahren lernen müssen, dass nicht primär die Qualität unseres Handelns oder die Art der Zuwendung zu unseren Patienten, sondern ein möglichst hoher Kenntnisstand von Verwaltungsregeln und deren Anwendung gesellschaftlich goutiert wird beziehungsweise unser Überleben sichert.
Die Welt der DRGs ab 2003 – das kann man bereits heute ohne Risiko prognostizieren – wird zum Beispiel auch dazu führen, dass nicht medizinische Qualität, sondern administrative Kompetenz („ist die Krankheit richtig kodiert?“) die Existenz eines Krankenhauses sichert beziehungsweise gefährdet.
Für eine Oscar-Nominierung in der Welt formaler Rationalität schlage ich die mich kürzlich erreichte „Richtlinie zur Verordnung häuslicher Krankenpflege – Erläuterungen“ –, die allen Vertragsärzten der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein zugesandt worden sind, vor.
Das aus KV-Sicht völlig korrekte Erläuterungsschreiben von viereinhalb eng bedruckten Textseiten ist in mehrfacher Hinsicht höchst aufschlussreich und sichert uns gleichzeitig auch einen der vorderen Plätze einer dringend zu gründenden Bürokratieolympiade.
Wir erfreuen uns einerseits an der kreativen Sprache des Gesetzgebers („Krankenhausvermeidungspflege“), lernen, dass wir uns an Erläuterungen zu orientieren haben, für die noch nicht alle Voraussetzungen beziehungsweise Rahmenempfehlungen vorliegen, und werden mit einer Fülle von Konditionalbedingungen konfrontiert, die Formalästheten nah an den mentalen Orgasmus treiben, der Arzt im Alltag aber nur durch Ignoranz, kreative Instrumentalisierung oder Meditation gesundheitlich ohne Schaden überstehen kann.
Ich kann mir, obwohl ich selbst nicht mehr an der Front stehe, kaum noch vorstellen, dass einer meiner Kolleginnen und Kollegen in der Lage ist, in dieser Teil-Welt der Verordnung häuslicher Krankenpflege die Normtiefe des siebten Flözes situationsspezifisch präsent zu halten, gleichzeitig die notwendige patientenorientierte Individualisierung vorzunehmen und zusätzlich noch an die (Budget-)Konsequenzen zu denken.
Ich bitte für alle noch tätigen Kollegen um Gnade und möchte aus meiner souveränen Distanz durch folgende Fragen zur Situation unseres Berufsstandes beitragen:
Wer lässt den von den „Richtlinien zur Verordnung häuslicher Krankenpflege – Erläuterungen“-Geschädigten Pflege zukommen?
Ist der Weg hin zu einem Bürokratieniveau von über 20 Prozent (USA) im Gesundheitswesen wirklich unvermeidbar?
Sollten unsere Fortbildungsakade-mien nicht ein zertifiziertes Diplom für Fachärzte für Formularwesen anbieten?
Ich bin davon überzeugt, dass der eingangs zitierte Max Weber mit der Erkenntnis der Bedeutung rationaler bürokratischer Herrschaft nicht gemeint hat, dass die eigentlichen, auf den Patienten bezogenen Leistungen von uns Ärzten im Schutt von Ver-waltungsvorschriften erstickt werden sollen. Prof. Dr. med. Horst Bourmer
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