ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2000Krankenhäuser: Ausländische Patienten gefragt

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Krankenhäuser: Ausländische Patienten gefragt

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): A-2147 / B-1823 / C-1715

Clade, Harald

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LNSLNS Krankenhäuser ebenso wie Rehabilitationskliniken buhlen immer mehr um die Gunst ausländischer Patienten.

Wegen zunehmenden Kostendrucks und tendenzieller Überkapazitäten versuchen immer mehr Krankenhäuser und Rehabilitationskliniken Marktnischen zu besetzen und auch Versicherungen und ausländische Patienten als „Kunden“ und Nachfrager von Gesundheitsleistungen zu gewinnen. Andererseits gibt es insbesondere Rehabilitationseinrichtungen und -kliniken in verschiedenen Bundesländern, die sich inzwischen darauf spezialisiert haben, ihre Einrichtungen und Dienstleistungen speziell auf die Bedürfnisse von Ausländern mit Sprachproblemen und einem besonderen religiösen und kulturellen Hintergrund auszurichten und Patientengruppen zu gewinnen, denen aus religiösen Gründen die Teilnahme an einer speziellen Heilmaßnahme nicht möglich war.
Obwohl die ausländische Klientel in den bundesdeutschen Krankenhäusern und Rehakliniken noch keinen wesentlichen Beitrag zur Umsatzsteigerung leistet, gibt es bereits verschiedene Initiativen, um hier „Flagge zu zeigen“.
Inzwischen haben die Deutsche Krankenhausgesellschaft e.V. und der Bundesverband Deutscher Privatkrankenanstalten e.V. versichert, dass man mit den neuen Aktivitäten keinen überzogenen Patiententourismus oder sogar eine Bevorzugung ausländischer Patienten in bundesdeutschen Krankenhäusern inszenieren wolle. Allerdings will man aber die gesetzlichen Möglichkeiten nutzen, um auch im stationären Sektor im Zuge der Internationalisierung der Märkte ausländische Nachfrager, Versicherungsträger und Selbstzahler zu gewinnen. Die Kliniken beabsichtigen, die Rentabilität und die Effizienz der Klinikbetriebe zu steigern und die Kostenvorteile der besser ausgelasteten Kapazitäten im Wettbewerb zu nutzen. Dies gilt für öffentlich-rechtliche wie private Klinikträger.
Für das „Auslandsgeschäft“ der bundesdeutschen Kliniken gibt es seit In-Kraft-Treten der novellierten Bundespflegesatzverordnung (von 1995) seit dem 1. Januar 1998 eine rechtliche Handhabe, in dieser Weise zu expandieren und Patienten zu gewinnen. Vor zweieinhalb Jahren erhielten die Krankenhäuser das Wahlrecht, bei Behandlung von Patienten aus dem Ausland außerhalb des sektoralen Krankenhausbudgets abzurechnen und somit die Chance, zusätzliche Erlöse zu erwirtschaften. Inzwischen haben sowohl das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium als auch der bei den Bundesländern angesiedelte „Arbeitskreis Migration und öffentliche Gesundheit“ die Losung ausgegeben, das bundesdeutsche Gesundheits- und Krankenhauswesen stärker auch auf die Bedürfnisse ausländischer Patienten auszurichten. Von gezielten Aktionen und Erfolgsberichten war allerdings seit der Etablierung des Arbeitskreises noch wenig zu vermelden.
In der Regel setzen die Akutkrankenhäuser und Rehabilitationskliniken auf ein differenziertes Instrumentarium, um ausländische Nachfrager und private Kran­ken­ver­siche­rungen für das Angebot im Inland zu interessieren. Oftmals hatten die Klinikleitungen direkt oder über Vermittler Kontakt zu Nachfragern und Patienten im Ausland aufgenommen, um diese für eine Behandlung in Deutschland zu interessieren. Andere Krankenhäuser beauftragen klinikverbundene oder fest angestellte Außendienstler mit der Akquisition ausländischer Patienten. Es gibt auch regelrechte Werbefeldzüge und Offensiven und „Patientenmakler“, die Kranke inländischen Akutkrankenhäusern und Rehakliniken zuführen sollen. Schließlich setzten manche Krankenhäuser, die dieses Feld beackern wollen, auf einen Förderungsverbund oder spezielle Verbände, die sich um die Akquisition im Auftrag der angeschlossenen Klinikgemeinschaft kümmern.
Kuratorium soll akquirieren
Erfolgreich arbeitet inzwischen das im Mai 1998 auf Initiative des FDP-Abgeordneten und Gesundheitspolitikers der FDP-Bundestagsfraktion, Dr. Dieter Thomae (60), FDP-MdB aus Sinzig, gegründete Kuratorium zur Förderung deutscher Medizin im Ausland e.V. in Bonn. Gründungsmitglieder sind die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) in Düsseldorf und der Bundesverband Deutscher Privatkrankenanstalten in Bonn. Als Geschäftsführer wurde im Frühjahr 2000 der frühere Abteilungsleiter und Pressesprecher der DKG, Georg Westphal (45), Bonn, gewonnen. Das Kuratorium hat knapp 100 Mitglieder – darunter Akut- und Rehabilitationskliniken, aber auch elf moderne Zahnarztpraxen (zum Teil Gemeinschaftspraxen).
Bereits vor einiger Zeit haben sich speziell Rehabilitationskliniken in verschiedenen Regionen um ausländische Patienten bemüht, zumeist mit einem Standort in der Grenzlage zum benachbarten Ausland, so beispielsweise die Eifelhöhen-Klinik in Marmagen (Eifel), die sich um grenzüberschreitende Patienten und Versicherungsträger in den Niederlanden und in Luxemburg bemühte. Auch andere Kliniken der Zentralversorgungsstufe, etwa das Zentralklinikum Augsburg, sind im Auslandsgeschäft und in der Akquisition ausländischer Patienten besonders engagiert. Aktiv buhlen auch Berliner und bayerische Krankenhäuser sowie Rehabilitationskliniken um ausländische Patienten. Unterstützt werden die bayerischen Kliniken durch ihre Landesregierung, insbesondere durch die von ihr herausgegebene Image-Broschüre speziell für den Gesundheitsstandort Bayern.
Das Zentralklinikum Augsburg konzentriert sich auf Patienten aus dem Nahen Osten und aus Ägypten. Allerdings geht man noch nicht so weit wie beispielsweise private Klinikketten in den USA, die eigene Klinikniederlassungen in verschiedenen arabischen Ländern eröffnet haben. Das 1 600-Betten-Klinikum in Augsburg versorgt inzwischen zwischen 50 und 200 Patienten je Jahr, die aus arabischen Ländern kommen.
Die Sevgi Deutschland AG hat einen anderen „Vertriebsweg“ gewählt. Das deutsch-türkische Klinikunternehmen mit Sitz in Wiesbaden betreibt inzwischen mehrere Krankenhäuser in der Türkei und wirbt um privat versicherte und selbst zahlende Patienten aus dem Ausland. Die Klinikfirma wirbt mit einem Komplettangebot, das sowohl medizinische Behandlungsmaßnahmen, Wellness, ein ergänzendes Fitness- und Trainingsprogramm, den Flug und ein Sightseeing-Angebot enthält. Ziel ist es, monatlich rund 200 ausländische Patienten nach Deutschland zu holen.
Im ambulanten ärztlichen Bereich hält sich die medizinische Versorgung von Ausländern nach Auskunft der Kassenärztlichen Bundesvereinigung noch in engen Grenzen – abgesehen vom kleinen Patientengrenzverkehr, insbesondere in Nordrhein-Westfalen an der deutsch-niederländischen Grenze.
Die Krankenhäuser und Rehabilitationseinrichtungen, die sich um ausländische Patienten kümmern, versichern, keine Zwei-Klassen-Medizin zu betreiben. Der Gründungsinitiator und Promotor der Betreuung ausländischer Patienten im Inland, Dr. Thomae, dringt auf die Einhaltung von allgemeinen Rahmenbedingungen, die die Qualität und Seriosität der Behandlung und Betreuung garantieren sollen. Das Kuratorium hat seine Mitglieder auf einen Ehrenkodex und Verhaltensregeln verpflichtet. Dieser sieht unter anderem vor, dass ausländische Patienten hinsichtlich der medizinischen Leistungen nicht besser gestellt werden dürfen als deutsche Patienten, medizinische Leistungen, für die es im Inland Wartelisten gibt, nicht erbracht werden und die Tätigkeit des Kuratoriums und seiner Mitglieder nicht zu einer Belastung des deutschen Sozialversicherungssystems führt, insbesondere der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. Ein Fachausschuss des Kuratoriums hat inzwischen Mindeststandards entwikkelt, die die Mitgliedskliniken erfüllen und nachweisen müssen, um ausländische Patienten behandeln zu können.
Leitfaden für Interessierte
Die Aktivitäten des Bonner Kuratoriums sind vielfältig: Im Dezember 1999 kam ein modern aufgemachter Klinik- und Reha-Leitfaden mit dem Titel „Medical Offers in Germany“ in englischer Sprache heraus, ein Verzeichnis, das ausländischen Versicherungen und Interessenten zugestellt wurde. Inzwischen hat das Kuratorium mit der schwedischen privaten Kran­ken­ver­siche­rung Skandia Lifeline ein Kooperationsabkommen, das im Dezember 1999 verabredet wurde, umgesetzt. Danach können privat Versicherte aus Schweden deutschen Häusern zur Behandlung empfohlen werden. Das Kuratorium beabsichtigt, auch mit anderen Ländern die Voraussetzungen für eine solche Patientenakquisition zu treffen, insbesondere mit den Niederlanden, mit Großbritannien und den USA.
Speziell auf die Behandlung und die Bedürfnisse von Muslimen, die in Deutschland dauerhaft leben, hat sich das (private) Median-Klinikum für Rehabilitation, Bad Oeynhausen, eine Schwerpunktrehabilitationsklinik für verschiedene medizinische Disziplinen, eingestellt. Unter jeweils fachärztlicher Leitung werden Krankheitsbilder aus den Bereichen Innere Medizin, Orthopädie, Onkologie und Neurologie behandelt sowie die Rehabilitation insbesondere älterer Patienten durchgeführt. Nach Aussagen der Klinikleitung sieht das Konzept vor, Pflege und Therapie dem besonderen kulturellen Hintergrund anzupassen und die religiösen Bedürfnisse dieser Patientengruppen zu berücksichtigen.
Die Klinik beschäftigt sprachkundige Fachkräfte in den Abteilungen, einen ständigen Dolmetscher-Dienst insbesondere für Deutsch/Türkisch und versucht, durch eine dem muslimischen Kulturverständnis entsprechende vertrauensvolle Atmosphäre das Behandlungsangebot insbesondere in der Anschlussrehabilitation nach Herzinfarkt, Schlaganfall, größeren Operationen zu integrieren. Die Klinikleitung beruft sich dabei auf Bestimmungen aus dem Sozialgesetzbuch V. Danach sei auch bei der Durchführung von Kuren und Rehabilitationsmaßnahmen „bei der Auswahl der Leistungserbringer die Vielfalt zu beachten. Den religiösen Bedürfnissen der Versicherten ist Rechnung zu tragen . . .“ Dr. rer. pol. Harald Clade

Dr. Dieter Thomae, MdB aus Sinzig, Initiator und Mitgründer des Kuratoriums zur Förderung deutscher Medizin im Ausland e.V., Bonn

„Medical Offers in Germany“, unter diesem Mot-
to stellen sich rund 500 Akut- und Rehabilitationskliniken unterschiedlicher Träger (öffentlich-rechtliche, freigemeinnützige und private) sowie Zahnarztpraxen in englischer Sprache ausländischen Patienten und Versicherungen vor.
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