ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2000Expo 2000: Eine Herausforderung für ärztliche Ersthilfe

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Expo 2000: Eine Herausforderung für ärztliche Ersthilfe

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): A-2154 / B-1831 / C-1635

Theissen, Wolfgang; Körber, Jürgen

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LNSLNS Die Sanitätsstation des Agnes-Karrl-Krankenhauses in Laatzen bei Hannover reicht für die Erstversorgung einer großen Messe nicht aus. Mithilfe von temporären Arztpraxen wird sie jedoch sichergestellt.

Der ärztliche Dienst der Hannover- Messe – seit 1946 vom Laatzener Agnes-Karrl-Krankenhaus gestellt, steht zur Expo 2000 in Hannover vor seiner größten Bewährungsprobe und hat sie bis jetzt glänzend bestanden. Er wurde verstärkt von Ärzten der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Gut für die Expo-Besucher aus der EU, die in einer gesetzlichen Krankenkasse ihres Landes versichert sind. Bei erforderlicher medizinischer Betreuung auf der Expo müssen sie nur ihren internationalen Krankenschein abgeben. Es gibt im Umfeld der Messe Ärzte und Sanitätshelfer, welche die wichtigen Sprachen Europas verstehen; außerdem steht der seit Jahrzehnten auch bei den Messen tätige Dolmetscherdienst zur Hilfe bereit. Schwerkranke werden umgehend in das nahe gelegene Agnes-Karrl-Krankenhaus aufgenommen.
Der Messeplatz Hannover bietet beste Voraussetzungen für internationale Leitmessen, Fachmessen und regionale Publikumsausstellungen.
Die ideale Infrastruktur und vorbildliche Verkehrsanbindung des größten Messegeländes der Welt war eine der Voraussetzungen, dass dem Messeplatz Hannover die Austragung der Expo 2000 übertragen wurde.
In einer modern eingerichteten Sanitätsstelle im Souterrain des Verwaltungshochhauses der Hannover-Messe versehen ein Internist, eine Rettungsärztin und bei der CeBIT ein Durchgangsarzt (Chirurg) den ärztlichen Messenotdienst. Unterstützt werden sie von zwei Rettungssanitätern mit einem Notarztwagen sowie drei bis fünf freiwilligen Helfern und zwei Sekretärinnen, die von der Messe-AG gestellt werden. Sie erhalten von der Messe-AG ein Bereitschaftsgeld und rechnen – im Gegensatz zu Ärzten bei anderen Veranstaltungen und Reisen der Touristikunternehmen – die ärztlichen und die Rettungsleistungen mit den gesetzlichen Krankenkassen und den Berufsgenossenschaften per Chipkarte ab. Nach Dr. Jürgen Körber, Internist, Oberarzt am Agnes-Karrl-Krankenhaus, gilt dieses Verfahren auch für alle gesetzlich Pflichtversicherten, deren Versorgung auf dem europäischen Krankenschein (so zum Beispiel der Caisse primaire in Frankreich) ohne Vorauslagen seitens der gesetzlich Krankenversicherten direkt mit den europäischen gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet wird.
Die CeBIT hat in den letzten 14 Jahren – seit ihrer Eigenständigkeit – am meisten medizinische Ersthilfe benötigt, obwohl das Durchschnittsalter der CeBIT-Mitarbeiter und -besucher zwischen 25 und 35 Jahren liegt. Der „Erfolgsdruck“ bei den Standbesatzungen und auch bei den Besuchern ist wohl der höchste aller deutschen Messeveranstaltungen.
Bei allen Messen müssen regelmäßig begonnene Behandlungen mit Blutdruck- und Medikationskontrollen bis hin zum Fädenziehen weitergeführt werden, etwa 30 Prozent der registrierten Einsatzhandlungen. Bei der CeBIT 2000 gab es einen Rekord mit rund 40 000 Mitarbeitern und 100 000 Besuchern täglich, es waren rund 180 Einsätze notwendig. 80 Prozent, und das seit Jahren, sind wiederholt bis Messeende ärztlich zu überwachen und zu betreuen.
Auch für die medizinische Erst- und Notfallversorgung bedeutet die Expo eine Herausforderung allerersten Ranges. Da die Sanitätsstation des Agnes-Karrl-Krankenhauses nicht ausreicht, wird die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen mit Hilfe von temporären Arztpraxen die ambulante ärztliche und die Notfallversorgung sicherstellen. Erfahrungen gibt es bereits in den Arztpraxen rund um das Messegelände; denn die in Hannover tätigen auswärtigen Aufbauarbeitskräfte aus der EU und aus aller Welt sind mit ihren internationalen Krankenscheinen voll in die kassenärztliche Versorgung in Niedersachsen integriert. Auch mit der Verständigung in den europäischen Sprachen ging es viel besser als erwartet.
Für die Expo rechnet man mit rund 3 000 Krankenhauseinweisungen, täglich also 20. Auch die Einsatzzahlen dürften sich gegenüber anderen Messen verdoppeln. Bei üblichen Messen geht man davon aus, dass die Besucher bei am Anfahrtstag sich einstellenden Beschwerden den Besuch verschieben oder sich vertreten lassen, demnach ihre Krankheit nicht auf dem Messegelände erleben. Hingegen werden für 80 Prozent der Expo-Besucher Karten, Unterkunft und Platz im Zug – tagegenau gebucht – verfallen, wenn sie den Besuch nicht antreten, für eine Familie mit vier Personen etwa 1 500 DM. Krankheiten, die sich anbahnen, werden wahrscheinlich „mitgebracht“ und dürften dann täglich etwa 250 (bei 0,5 Prozent Inzidenz) Patientenkontakte ausmachen.
Dr. med. Wolfgang Theissen, Dr. med. Jürgen Körber

Der Messeplatz Hannover bietet beste Voraussetzungen für die Austragung der Expo.
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