ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2000Hospizidee im Krankenhaus: Patienten bleiben beim Sterben nicht allein

THEMEN DER ZEIT

Hospizidee im Krankenhaus: Patienten bleiben beim Sterben nicht allein

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): A-2156 / B-1866 / C-1742

Prönneke, Rainer

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LNSLNS Auch auf normalen Krankenhausstationen können spezielle Hospizzimmer eingerichtet werden.

Die Verbesserung der Versorgung Schwerkranker und Sterbender als zentrales Anliegen der Hospizbewegung hat in Deutschland Fuß gefasst: Zunächst von wenigen Idealisten angestoßen, wurden nach englischem Vorbild inzwischen 581 Hospizinitiativen und 64 stationäre Hospize gegründet. Verzögert reagierte das Gesundheitssystem mit der Einrichtung von bisher 50 Palliativstationen in Krankenhäusern. Eine flächendeckende Versorgung ist in diesem dualen System nicht möglich und bei erheblicher Kostenintensität mittelfristig auch nicht erreichbar.
Die erzielten Erfolge könnten durch eine Alibifunktion die Gefahr der Stagnation mit der Entwicklung eines „Zwei-Klassen-Sterbens“ bewirken: die Palliativstationen und Hospize einerseits und der Sterbealltag in Krankenhäusern und Pflegeheimen andererseits.
Im Städtischen Krankenhaus Salzgitter-Lebenstedt wird seit fünf Jahren ein Konzept zur verbesserten Versorgung Schwerkranker und Sterbender umgesetzt:
- Anfangs wurden zwei Hospizzimmer auf einer 22-Betten-Station eingerichtet; inzwischen wurden weitere Zimmer auf anderen Stationen eröffnet.
- Die Ausstattung weicht durch das Hinzustellen eines Bettsofas, Sitzgruppe, Stehlampe und Teppich von den anderen Krankenzimmern ab.
- Zentrales Anliegen ist der gewünschte Einbezug von Angehörigen zur Begleitung der Patienten, entsprechend einem „Rooming-in“. Dazu gehört auch das Vermitteln von einfachen Pflegemaßnahmen.
- Voraussetzung ist der kontinuierliche Erwerb von palliativmedizinischen Kenntnissen durch einen Arzt als Hauptansprechpartner und Pflegekräfte. Invasive analgetische Maßnahmen werden von der Anästhesie-Abteilung des Hauses übernommen.
- Wichtig ist die Vorbereitung und supervisionsähnliche Begleitung von den Stationsmitarbeitern.
- Die Patienten werden nach unterschiedlichen Kriterien in den Hospizzimmern aufgenommen: Idealerweise sind die Kranken und ihre Angehörigen über den Stand der Erkrankung aufgeklärt und mit der Aufnahme im Hospizzimmer einverstanden. Inzwischen weisen Hausärzte gezielt in die Hospizzimmer ein. Bei fehlendem Bedarf werden auch „normale“ Patienten untergebracht.
- Ehrenamtliche Helfer des örtlichen Hospizvereins werden in die Begleitung einbezogen.
Ergebnisse einer retrospektiven Analyse der ersten hundert von 450 Patienten, die seit November 1994 in den Hospizzimmern verstorben sind:
Die Aufenhaltsdauer betrug im Schnitt sieben Tage von minimal einer Stunde bis maximal 99 Tage. Erwartungsgemäß dominieren Malignomerkrankte neben einem relativ großen Anteil an Patienten mit CV-Insulten, terminaler Herzinsuffizienz, Leberzirrhose und Zustand nach Reanimation. 73 von 100 Patienten blieben in ihrer Sterbephase nicht allein.
Schlussfolgerungen:
- Das Konzept, Schwerkranken und Sterbenden im Krankenhaus Raum zu bieten, hat sich bewährt.
- Die notwendige umfassende Pflege gelingt bei gleichem Personalstand unter Einbezug der Angehörigen und eines ehrenamtlichen Hospizdienstes.
- Voraussetzung ist eine Vorbereitung und Begleitung der Pflegekräfte und Ärzte sowie Kenntnisse in der Palliativmedizin und -pflege.
- Die Unterstützung der Angehörigen inklusive „Rooming-in“ ent- statt belastet die Station. Die Bildung eines Netzes zwischen Angehörigen und professionellen Mitarbeitern des Krankenhauses durch gegenseitige Unterstützung ermöglicht eine emotionale Stabilisierung, von der die Sterbenden profitieren.
Die Tabuisierung des Themas „Tod im Krankenhaus“ nimmt ab. !
- Die Arbeitszufriedenheit steigt, weil es einen Ort der gelebten Zuwendung gibt.
- Die Qualität der Zusammenarbeit zwischen Pflegenden und Ärzten hat sich verbessert.
- Der finanzielle Investitionsaufwand ist gering, allerdings wird der Personalschlüssel einer stationären Hospiz- oder Palliativstation nicht erreicht.
- Die Integration der Hospizzimmer auf einer Normalstation ist möglich, im Gegenteil eine Bereicherung. Die Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Hospizhelfern, Hausärzten und Angehörigen hat eine begrüßenswerte Öffnung der Institution „Krankenhaus“ zur Folge. Das Konzept bietet ein tragfähiges Fundament für Verbesserungswünsche. Sterbende im Krankenhaus unterscheiden sich im Hinblick auf Akuität und schnell wech-selnder Prognose von den typischen Hospizpatienten. Das vorgestellte Konzept bietet eine Möglichkeit, die Hospizidee und palliative Versorgung im Krankenhaus als einen Ort zu integrieren, wo Menschen auch in Zukunft ihre letzte Lebenszeit verbringen werden.
Dr. med. Rainer Prönneke

Im Städtischen Krankenhaus Salzgitter-Lebenstedt wurden Hospizzimmer eingerichtet.

Weitere Informationen zum Modell „Die Hospizidee im Krankenhaus“: Städtisches Krankenhaus Salzgitter-Lebenstedt, Medizinische Klinik, Kattowitzer Straße 191, 38226 Salzgitter, Telefon: 0 53 41/8 35 12 14, Fax: 8 35 18 32.
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