ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2000Russland: Gesundheitssystem krankt

THEMEN DER ZEIT

Russland: Gesundheitssystem krankt

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): A-2157 / B-1867 / C-1743

Hoppe, Verena; Korzilius, Heike

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LNSLNS Der russische Ge­sund­heits­mi­nis­ter lud Vertreter der Bundes­ärzte­kammer zum Erfahrungsaustausch ein

Die Einladung stand schon länger. Nun ist ihr die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) gefolgt. Eine siebenköpfige Delegation, angeführt vom Präsidenten der BÄK, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, traf sich in Moskau mit dem Ge­sund­heits­mi­nis­ter der russischen Föderation, Jurij Schewschenko, und mehreren Experten des Ministeriums, um Erfahrungen über die jeweiligen Gesundheitssysteme auszutauschen.
Die Nachrichten über den Zustand des russischen Gesundheitswesens sind eher ernüchternd: Die Wohnverhältnisse haben sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erheblich verschlechtert, entsprechend auch die hygienischen Zustände. Mangelernährung, starke Umweltbelastungen und individueller täglicher Überlebensstress treffen gegenwärtig rund ein Drittel der Bevölkerung besonders hart, entsprechend schlecht ist auch der gesundheitliche Zustand dieser Menschen. Die Folgen: Die Rate der Säuglingssterblichkeit steigt, die Lebenserwartung sinkt. Chronische Krankheiten nehmen zu, darunter vor allem Erkrankungen aufgrund von Mangelernährung, HIV-Infektionen und – insbesondere therapieresistente – Tuberkulose-Erkrankungen. Experten prognostizieren für das Jahr 2005 eine HIV-Durchseuchung von mehr als zehn Prozent der Bevölkerung. Als besondere „Brutstätten“ für diese Infektionskrankheit gelten Gefängnisse und Straflager.
De facto ist die traditionelle staatliche Sicherung der Gesundheitsversorgung zusammengebrochen und lediglich – höchst notdürftig – für die Armen und Obdachlosen eine Zuflucht. Für alle anderen scheinen die Gesetze eines vielfältigen grauen Marktes zu gelten – mit all seinen Phänomenen wie Tausch von Waren und Dienstleistungen oder auch Direktzahlungen bei entsprechender Finanzkraft.
Aus gutem Grund hatte daher das russische Ge­sund­heits­mi­nis­terium das Treffen als Diskussionsforum angelegt. Es endete mit einer Resolution, in der die Absicht eines weiteren Erfahrungs- und Meinungsaustausches niedergelegt ist.
Inzwischen baut man auf Dezentralisierung
Während der Tagung wurde deutlich, dass sich die russische Führung über die Unmöglichkeit im Klaren ist, ein solches Riesenreich zentral zu führen. Der stellvertretende Ge­sund­heits­mi­nis­ter, Professor Wialkov, baut bewusst auf Dezentralisierung und die Übertragung von Verantwortung möglichst nahe an den Ort des Geschehens, damit auch auf die Zusammenführung von Amts- und Fachautorität. Hier glaubt er, im deutschen System der Selbstverwaltung ein interessantes Vorbild zu erkennen. Dabei impo-nierte der russischen Delegation die schnelle Transformation des staatlichen Gesundheitssystems nach der Auflösung der DDR.
Der Gegenbesuch einer russischen Delegation ist für nächstes Jahr vorgesehen. Verena Hoppe/HK

Rußlands Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jurij Schewschenko hat ein schweres Amt angetreten. Im Gesundheitswesen liegt vieles im Argen. Foto: ria-photo
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