ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2000Leitlinien: Geschichtlicher Diskurs

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Leitlinien: Geschichtlicher Diskurs

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): A-2158 / B-1832 / C-1724

Leven, Karl-Heinz

Zu dem Beitrag „Medizinische Leitlinien – Juristische Dimension“ von Dr. med. Matthias Berndt und Prof. Dr. med. Gisela C. Fischer in Heft 28–29/2000:
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LNSLNS Im Dialog Politikos (Der Staatsmann) erwägt Platon in einem Gedankenexperiment hypothetisch, dass Ärzte in einem Staatswesen gezwungen sein könnten, medizinischen Regeln zu folgen, die von der Mehrheit der Bürger beschlossen und in Stein gehauen wären. Jeder Patient, so Platon weiter, hätte die Möglichkeit, seine vom Arzt empfangene Behandlung mit der offiziell vorgeschriebenen zu vergleichen; ergäben sich Unterschiede, könnte er den Arzt vor Gericht ziehen. Was wäre die Folge, so Platon? Die ärztliche Kunst (griechisch techne) würde aufhören und das „Forschen“ (zetein) auch. Als zeitspezifischer Hintergrund dieses Szenarios, das Platon selbst „seltsam“ nennt, ist auch die Situation der antiken Medizin und ihrer Ärzte zu bedenken. Ohne Approbation, ohne geregeltes Curriculum, ohne staatliche Kontrolle, ohne Standeswesen, um nur einige wichtige Punkte zu nennen, war der antike Arzt zwar als Heilkundiger geschätzt, doch stets auch in Verdacht, aus Unkenntnis oder gar aus böser Absicht seinen Patienten – unkontrolliert und unkontrollierbar – Schaden zuzufügen. Bei allem Misstrauen, das griechischen Ärzten begegnete, gab es doch niemals die von Platon theoretisch ins Spiel gebrachte Möglichkeit von in Stein gehauenen Leitlinien, jedenfalls nicht in Griechenland. Umso auffälliger war für die Griechen, dass es in Ägypten solche Regeln gab: Diodor (erstes Jahrhundert vor Christus) berichtet unter Berufung auf Hekatalos von Abdera (viertes Jahrhundert vor Christus), dass die ägyptische Medizin, in einem „schriftlichen Gesetz“ (griechisch: nomos engraphos) in alter Zeit von berühmten Ärzten aufgestellt, niedergelegt war. Sollte ein Patient während einer Behandlung sterben und der Arzt den geschriebenen Regeln gefolgt sein, so blieb er straffrei. War er jedoch von den Regeln abgewichen, sollte er mit dem Tod bestraft werden. Ob diese Geschichte stimmt oder nicht, ob sie für die Griechen nur ein weiteres Detail ihrer fasziniert-abgestoßenen Wahrnehmung von Ägypten war, sei dahingestellt. Tatsächlich war die ägyptische Medizin, wie auch den Griechen aufgefallen war, über viele Jahrhunderte hinweg außerordentlich stabil, ja erstarrt und unveränderlich, eben anders als die Medizin der Griechen. Aus der Sicht der Griechen hatten die „Leitlinien“ die ägyptische Medizin erstarren lassen. Geschichte wiederholt sich nicht: Heutige medizinische Leitlinien haben einen anderen Ursprung und eine andere Funktion als altägyptische – aber vielleicht lehrt das Beispiel, dass geschriebene Regeln alleine noch keine gute Medizin verbürgen.
Prof. Dr. med. Karl-Heinz Leven, Institut für Geschichte der Medizin der Universität Freiburg, Stefan-Meier-Straße 26, 79104 Freiburg
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