ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2000Rauchen: Pragmatisches Handeln erforderlich

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Rauchen: Pragmatisches Handeln erforderlich

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): A-2158 / B-1832 / C-1724

Adlkofer, Franz

Zum Beitrag „Tabakzusätze in Zigaretten – warum?“ von Prof. Dr. med. Knut-Olaf Haustein in Heft 22/2000:
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LNSLNS Prof. Haustein hat in seinem Beitrag es als oberstes Ziel der amerikanischen Tabakindustrie in den 80er-Jahren bezeichnet, die Freisetzung und die Effektivität von Nikotin aus Zigaretten unter anderem durch Zusatz von Alkalien zum Tabakgemisch zu steigern. Er ist der Meinung, dass man nicht ernst genug gegen diese pH-Manipulation angehen kann, da dadurch die Abhängigkeit des Rauchers gefördert wird. Diese Äußerung lässt Zweifel aufkommen, ob Prof. Haustein den kritisierten Zusammenhang in seiner Bedeutung wirklich überblickt.
Die unter meiner früheren Verantwortung als Leiter der wissenschaftlichen Abteilung im Verband der Zigarettenindustrie im Verlauf von 20 Jahren durchgeführten Forschungsarbeiten und die verfügbare wissenschaftliche Literatur zu dieser Fragestellung rechtfertigen seine Schlussfolgerung jedenfalls nicht. Zum einen ist keineswegs gesichert, dass der pH-Wert des Hauptstromrauchs durch Einbringung von Ammoniumverbindungen wesentlich verändert wird, zum anderen wird das auf der Abhängigkeit vom Nikotin beruhende süchtige Verhalten vieler Raucher durch die beklagte pH-Manipulation kaum oder gar nicht beeinflusst, und zum dritten hätte eine einseitige Senkung des Nikotingehaltes der Zigaretten für diejenigen Raucher, die das Rauchen trotz aller Aufklärung nicht aufgeben wollen oder können, eher schlimme Folgen.
Die Mehrzahl der Raucher ist gewohnt, ihren individuellen Nikotinspiegel einzustellen, gleichgültig wieviel Nikotin im Rauch der von ihnen bevorzugten Zigarettenmarke enthalten ist. Verringerte man das Kondensat-Nikotin-Verhältnis zum Beispiel von gegenwärtig um die dreizehn auf zehn oder sogar darunter, inhalierten die Raucher bei unveränderter Nikotinaufnahme fast um ein Viertel weniger Tabakrauch. Da eine solche Veränderung der Zigaretten sehr wahrscheinlich eine deutliche Senkung der Raucherkrankheiten zur Folge hätte, wäre diese nicht nur im Interesse der Raucher selbst, sondern auch im Interesse der Gesellschaft. Die üblichen gegen das Rauchen gerichteten Maßnahmen müssten durch die Entschärfung der Zigaretten durch Produktmodifikation ergänzt werden.
Natürlich stellt sich die Frage, ob es denn hingenommen werden kann, dass Raucher wider besseres Wissen weiter rauchen, nur weil sie von Nikotin abhängig sind, wenn doch das Aufhören für sie das mit Abstand Beste wäre. In den Vereinigten Staaten, wo bis hin zur gesellschaftlichen Diskriminierung der Raucher nichts unterlassen wird, um das Rauchen zu erschweren, steigt der Anteil der jugendlichen Raucher seit einigen Jahren wieder. Die Entwicklung in Deutschland und Europa scheint diesem Trend zu folgen. Offensichtlich greifen Aufklärung, Warnhinweise und sonstige regulatorische Maßnahmen bei Rauchern nicht genug. Die Aussichten scheinen deshalb sehr gering, den Anteil der Bevölkerung in absehbarer Zeit auf einen Prozentsatz zu reduzieren, der zahlenmäßig nicht mehr ins Gewicht fällt. Ganz offensichtlich ist im Umgang mit Rauchern pragmatisches Handeln erforderlich. Menschliches Verhalten funktioniert nun einmal nicht nach dem Alles-oder-nichts-Gesetz.
Prof. Dr. med. Franz Adlkofer, Pettenkoferstraße 33, 80336 München
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