ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2000Asyl: Blinde Staatsgläubigkeit

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Asyl: Blinde Staatsgläubigkeit

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): A-2159 / B-1833 / C-1725

Metz, Claus

Zu der Reportage „Begutachtung von Asylbewerbern – Zwischen Staatsraison und Patientenwohl“ von Heike Korzilius in Heft 23/2000:
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LNSLNS Dank und Anerkennung an DÄ-Redakteurin Heike Korzilius für ihre informative Übersicht zur Problematik ärztlicher Abschiebehilfe. Aus vielen Gesprächen mit abschiebehelfenden Kolleginnen und Kollegen kenne ich den gefährlichen Sog blinden Staatsvertrauens, der aus intelligenten Ärzten blinde Erfüllungsgehilfen machen kann. Zur Veranschaulichung folgende Beispiele:
Entgegen allen Medienberichten glaubt der psychiatrische Stationsarzt der Ausländerbeamtin, politisch Oppositionellen drohe in Algerien keinerlei Verfolgung. Also kann die bei jeder Abschiebungsvorbereitung auftretende tagelange Angststarre seines mehrwöchigen algerischen Patienten nur eine paranoide Reaktion sein. Er setzt seinen Ehrgeiz daran, die zur Passbeschaffung erforderliche Vorstellung beim Generalkonsul des Putschregimes, dem ai „entsetzliche Haftbedingungen“ vorwirft, auf der Station (!) zu arrangieren. Nur durch ärztlichen und öffentlichen Druck wird der geplante „Rettungsflug“ mit Psychopharmaka verabreichendem Begleitarzt im Privatjet verhindert.
Der Begleitarzt des beschriebenen nigerianischen „Schüblings“ Kola Bankole vertraute – entgegen seiner Berufserfahrung und allen klassischen Erstickungszeichen – der Ungefährlichkeit des selbst gebastelten Strumpf-Gurt-Knebels trotz sichtbarer Atemlosigkeit des nach heftigstem Kampf nach Luft Ringenden. Der Direktor des Frankfurter Rechtsmedizinischen Instituts ermöglichte eine Fortsetzung der BGS-Knebelungspraxis durch seine Interpretation als „Plötzlicher Tod aus natürlicher innerer Ursache“. Neben zwei weiteren Frankfurter BGS-Gewahrsamserstickungen 1993 und 1999 kam es so zu mehreren überlebten Knebelungen und Würgegriffen, meist mit genitalen Misshandlungen und zu Knochenbrüchen, sämtlich ohne Anklage unter konsequenter Ignorierung der zahlreichen US-Fachveröffentlichungen zu Gewahrsamserstickungen.
Zuletzt noch kurz zur hessischen Variante der Unschädlichmachung ärztlicher Traumatisierungsgutachen: Die Arbeit des Berliner Polizeiärztlichen Dienstes nach 30- bis 60-minütiger Befragung erledigt in Hessen der leitende Nervenarzt des Landesversorgungsamts aufgrund von Attesten behandelnder Kollegen zur Vorlage bei Ausländerbeamten ohne jegliche Befragung der meist schwer traumatisierten Patienten oder ihrer Ärzte. Selbst nach angegebener Folter während zweimonatiger Lagerinternierung im bosnischen Serbien lässt er eine posttraumatische Belastungsstörung als Abschiebehindernis nicht gelten. Nach 25-jähriger Schreibstubenabgeschiedenheit sind ministerielle Erlasse seine Hauptinformationsquelle: Diese besagen in etwa, dass Traumatisierte beizeiten dramatische Symptome aufweisen und sich in psychotherapeutische Behandlung begeben haben müssen, um einen Abschiebungsaufschub zu erlangen. Dabei weiß jeder interessierte Laie, dass Holocaust-Überlebende erst nach Jahrzehnten sich der Qual der Erinnerung stellen konnten. Ihnen blieb weltweit eine Abschiebung ins Land ihrer freilaufenden Verfolger erspart, die bosnischen Gräuel-Überlebenden zugemutet wird.
Claus Metz, IPPNW-Arbeitskreis Flüchtlinge, Droysenstraße 5, 60385 Frankfurt/M.
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