ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2000Kinderärzte 1933–1945

BÜCHER

Kinderärzte 1933–1945

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): A-2162 / B-1834 / C-1726

Seidler, Eduard

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LNSLNS Medizingeschichte
Dank und Respekt
Eduard Seidler: Kinderärzte 1933–1945. Entrechtet – geflohen – ermordet. Pediatricians – victims of persecution 1933–1945. Bouvier Verlag, Bonn, 2000, 494 Seiten, 28 Seiten Abbildungen, gebunden, mit Schutzumschlag, 58 DM
Nach einer Vortragsveranstaltung in Stuttgart erzählte mir jüngst ein Zuhörer, dass er gerne etwas über das Schicksal seines jüdischen Kinderarztes in Erfahrung bringen würde, den er als eindrucksvolle und liebenswürdige Persönlichkeit auch nach inzwischen über 60 Jahren noch in guter Erinnerung habe. Dank der langjährigen Recherchen und Bemühungen des emeritierten Freiburger Ordinarius für Medizingeschichte, die jetzt in Buchform vorliegen, fiel mir die Auskunft leicht. Der betreffende Kinderarzt (Simon Schmal) konnte in die USA emigrieren und verstarb dort nach 1979.
Von den 30 Pädiatern, die Anfang der 30er-Jahre in Stuttgart tätig waren, galten acht als „jüdisch versippt“. Den meisten von ihnen gelang die Auswanderung. Die Mehrzahl emigrierte in die Vereinigten Staaten, einer fand in Palästina eine neue Heimat. In zwei Fällen ist das Schicksal ungeklärt. Eine Kinderärztin, Marga Wolf, starb 1943 in Theresienstadt. Stuttgart war allerdings insofern untypisch, als nur ein relativ geringer Prozentsatz der dortigen Kinderärzte aufgrund der Nürnberger Rassegesetze verfolgt wurde. In anderen Städten war der Anteil erheblich höher, so zum Beispiel in Berlin, wo von 263 Pädiatern 222 wegen ihrer jüdischen Herkunft aus ihrem Beruf verdrängt wurden. Nahezu jeder zweite Kinderarzt in Deutschland galt nach 1933 im Sinne der nationalsozialistischen Gesetze als Jude oder als politisch unzuverlässig.
Einleitend stellt Seidler dar, wie rasch und konsequent die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde damals ihre jüdischen Mitglieder auf Geheiß des nationalsozialistischen Regimes ausschloss und welchen Demütigungen die jüdischen Kinderärztinnen und Kinderärzte seit dem 1. April 1933 ausgesetzt waren. Die Folgen, die diese Verdrängung von engagierten Ärzten und führenden Fachvertretern wie Heinrich Finkelstein oder Gustav Tugendreich auf das Fach Kinderheilkunde hatte, lassen sich nur erahnen. Insbesondere zur weiteren Entwicklung der Pädiatrie in der NS-Zeit besteht, wie Seidler zu Recht betont, noch erheblicher Forschungsbedarf. Eines dürfte jedoch feststehen: Die deutsche Kinderheilkunde geriet damals nicht nur in nationalsozialistisches Fahrwasser (Stichwort: Kinder-Euthanasie), sondern verlor auch ihre internationale Spitzenposition.
Nur wer selbst auf dem Gebiet der Emigrationsgeschichte gearbeitet hat, kann ermessen, wie aufwendig die Rekonstruktion von über 750 Einzelschicksalen ist. Dass es Seidler gelungen ist, in jahrelanger und mühevoller Kleinarbeit über 629 Lebensläufe wenigstens teilweise nachzuverfolgen, das nötigt Dank und Respekt ab. Der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, in deren Auftrag diese Dokumentation erstellt wurde, gebührt das Verdienst, als erste medizinische Fachgesellschaft sich spät, aber gleichwohl der unbequemen Vergangenheit gestellt zu haben und die Verpflichtung ernst zu nehmen, die Erinnerung an die Schicksale der politisch verfolgten, vertriebenen und ermordeten Kolleginnen und Kollegen wach zu halten. Robert Jütte


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