ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2000Nationalsozialismus: Erinnerung an verfolgte Ärzte

VARIA: Geschichte der Medizin

Nationalsozialismus: Erinnerung an verfolgte Ärzte

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): A-2180 / B-1851 / C-1743

Kloppenborg, Josef

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LNSLNS Eine Ausstellung im Robert Koch-Institut informiert
über das frühere SA-Gefängnis in der General-Pape-Straße.

Das Haus Werner-Voß-Damm 54a im Berliner Bezirk Tempelhof liegt, abseits des Durchgangsverkehrs, inmitten eines lang gestreckten Geländes, dessen eine Längsseite an der General-Pape-Straße liegt. Nach dieser war früher der gesamte Komplex benannt; auch der nahe gelegene S-Bahnhof Papestraße verdankt ihr seinen Namen. Das Haus ist Teil einer alten Kasernenanlage, die Ende des 19. Jahrhunderts im damals in Preußen typischen roten Backsteinbau errichtet wurde. In der Kaiserzeit waren dort zwei Eisenbahnregimenter und eine Landwehrinspektion untergebracht. Von der ursprünglichen Bausubstanz ist etwa die Hälfte erhalten geblieben.
Heute wird das Gelände vielfältig genutzt. In den alten Gebäuden sind überwiegend gewerbliche Kleinbetriebe untergebracht. Auch die für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung zuständige Abteilung 2 des Robert Koch-Institutes (RKI) arbeitet hier. Zwischen den Gebäuden liegen Kleingärten. Im Haus Werner-Voß-Damm 54a haben Ingenieure, Architekten sowie Garten- und Landschaftsarchitekten ihre Büros.
Die Geschichte des Hauses war für die Öffentlichkeit lange Zeit nicht interessant. Das änderte sich 1992, als durch den Hinweis eines Zeitzeugen wieder bekannt wurde, dass sich 1933 im Keller des Hauses ein Gefängnis der SA befunden hatte, das seinerzeit eine der berüchtigtsten Folterstätten in Berlin war. Die Existenz einer solchen Folterstätte auf dem ehemaligen Kasernengelände war in der Nachkriegszeit zwar bekannt gewesen, dann aber in Vergessenheit geraten.
Nach der Wiederentdeckung des Kellers kam auch der Zusammenhang mit den damaligen politischen Verhältnissen in Berlin wieder ins Bewusstsein. Im März 1933 war die Feldpolizei, eine besondere Einheit der SA-Gruppe Berlin-Brandenburg, in einzelne Gebäude des Kasernengeländes eingezogen und hatte hier ein Gefängnis eingerichtet, in das Gegner des Nationalsozialismus, darunter bedeutende Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kultur, aus allen Teilen Berlins eingeliefert wurden. Im Keller wurden die Gefangenen misshandelt, gefoltert und in einigen Fällen ermordet. In das Gefängnis, das von März bis Dezember 1933 bestand und in dem mindestens 2 000 Menschen inhaftiert waren, wurden auch Gesundheitspolitiker und mehrere bekannte jüdische Ärzte eingeliefert.
Heute gibt es im Keller nur noch eine einzige originale Spur jener furchtbaren Zeit: An einer Kellerwand ist eine Bleistiftzeichnung mit dem Profil eines Kopfes zu sehen, der der Name eines Gefangenen in lateinischer und hebräischer Schrift hinzugefügt ist. Diese winzige Spur wird durch eine Gedenktafel verstärkt, die in den letzten Jahren zusätzlich angebracht worden ist.
Die in der General-Pape-Straße arbeitenden Mitarbeiter der RKI waren plötzlich mit der Tatsache konfrontiert, dass im unmittelbaren Umfeld ihrer Arbeit Verbrechen an Menschen verübt worden waren, die sich für die Gesundheit ihrer Mitmenschen eingesetzt hatten, so wie sie selbst zwei Generationen später. Einige von ihnen beschäftigten sich daraufhin intensiver mit den Schicksalen der Opfer. Bald erstreckte sich das Interesse auch auf verfolgte Ärzte an anderen Orten Berlins, beispielsweise im Krankenhaus Moabit. Hieraus entwickelte eine Mitarbeiterin der Verwaltung Idee und Konzeption einer Ausstellung über „Verfolgte Ärzte im Nationalsozialismus“, die in den Räumen des RKI gezeigt werden sollte. Den medizinhistorischen Ama-
teuren gelang es, für ihr Vorhaben die Unterstützung sowohl des Präsidenten des RKI als auch eines Medizinhistorikers zu gewinnen. Gleichwohl blieb das Unternehmen eine Privatinitiative. Recherchen und alle anderen Vorbereitungen fanden in der Freizeit statt.
In der im Juni 1999 eröffneten Ausstellung werden dem Besucher neben der Geschichte des SA-Gefängnisses General-Pape-Straße exemplarisch die Lebensläufe einiger verfolgter Ärzte und
Gesundheitspolitiker nahe gebracht, die in der Weimarer Republik Ansätze einer damals neuartigen Sozialmedizin verwirklichten. Es sind die Schicksale von Lydia Rabinowitsch-Kempner, Fritz Fränkel, Arno Philippsthal, Erich Simenauer, Kurt Goldstein, Max Leffkowitz und Max Ebel. Josef Kloppenborg

Haus Werner-Voß-Damm 54a (früher: General-Pape-Straße) in
Berlin-Tempelhof. In den Kellern des Hauses befand sich 1933 ein SA-Gefängnis.


Die Ausstellung „Verfolgte Ärzte im Nationalsozialismus“ ist als Dauerausstellung angelegt und weiterhin in den Räumen
des RKI, General-Pape-Straße 62 (etwa auf halber Strecke zwischen S-Bahnhof und Dudenstraße), 12101 Berlin (Tempelhof), montags bis freitags von
9 bis 15 Uhr zu besichtigen.

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