ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/1996Sultan Mehmet: versus kleiner Bär

VARIA: Post scriptum

Sultan Mehmet: versus kleiner Bär

Pfleger, Helmut

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LNSLNS Einmal fragte ich Karpow und Kasparow, was sie sich von der Fee mit den drei Wünschen erbäten, und erhielt von beiden dieselbe Antwort: "Nichts. Ich will alles aus eigener Kraft schaffen." Die Hilfe von Ärzten und Psychologen bei ihren WM-Kämpfen nehmen sie allerdings doch gerne in Anspruch, vielleicht werden diese aber auch nur in einem grandiosen narzißtischen Akt dem eigenen Ich einverleibt. Um die Ecke lauert der "plural majestatis". Ärzte dürften, heute wie früher, im allgemeinen etwas weniger vermessen sein, wie eine mir just von Kasparow selbst mitgeteilte Episode veranschaulichen soll. Danach wurden die Kranken im alten Rom mit ihren Betten auf die Straße getragen, um Meinung und Rat der Vor-übergehenden bei Diagnose und Therapie einzuholen. Dieses probate Verfahren ist zwar bei einem Schachturnier grundsätzlich auch denkbar, doch aus irgendwelchen Regel- und Gleichheitsgrundsätzen untersagt. Selbst ist hier der Mann beziehungsweise die Frau, das galt auch bei der letzten Deutschen Ärztemeisterschaft. Dennoch mußte man nicht unbedingt auf jegliche Unterstützung verzichten. Als sich in der dritten Runde Dr. G. Fischer und Dr. Schulze-König gegenübersaßen, zog doch ersterer Sultan Mehmet (nicht den Lausebengel Scholl) als Talisman aus der Tasche und stellte ihn neben sein Brett, worauf Dr. Schulze-König postwendend mit einem kleinen Bären antwortete: Beide freuten sich wie Schneekönige, befreiendes Lachen hallte durch den Saal. Wie heißt es doch schon beim großen rumänischen Schriftsteller Sadoveanu: "Weil auch das Schachspiel eine Medizin ist, allerheiligster Vater!"
Solch eine Medizin kann schmecken, oder auch nicht. Das gleiche gilt gelegentlich für Bauern.
Dr. Bosse hatte im letzten Zug mit seinem Läufer einen weißen Bauern auf d5 verschnabuliert und dachte sich vermutlich nichts Böses – alles scheint in bester Ordnung zu sein. Doch dieser Bauer sollte sich überraschend als höchst unbekömmlich erweisen. Sehen Sie, wie Dr. Moise als Weißer am Zug mit einer feinen Kombination eine schwarze Figur eroberte?
Lösung: Das Läuferschach 1. Lb5+! demaskierte den Angriff der weißen Dame auf den gefräßigen schwarzen Läufer d5. Scheinbar hatte dieser genügend vorgesorgt: 1. ...Lc6 parierte Schachgebot und Läuferbedrohung. Nun kam indes nach Läuferabtausch 2. Lxc6+ Sxc6 die "Gemeinheit" 3. Dd5! Beide schwarzen Springer waren angegriffen, nur einer konnte sich retten, wonach Weiß natürlich großen Vorteil hatte.
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