ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2000Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie: Anwendungsbereiche von Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie: Anwendungsbereiche von Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): A-2190 / B-1865 / C-1666

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LNSLNS Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie hat die folgende Zusammenfassung der wesentlichen Anwendungsbereiche von Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen in Anlehnung an den ICD-10-Schlüssel erstellt. Diese Zusammenfassung ergänzt die Bekanntmachung des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie zu den Anwendungsbereichen Psychotherapie bei Erwachsenen (Dt Ärztebl 2000; 97: A-59 [Heft 1–2]). Die Anwendungsbereiche sind nicht als Alternative zu geltenden Diagnoseschlüsseln wie dem ICD-10 oder zur nosologischen Klassifikation zu verstehen, die anderen, sehr viel weiteren Aufgabenstellungen dienen.
Der Wissenschaftliche Beirat überprüft die Wirksamkeitsnachweise – unbeschadet der Prüfung weiterer Kriterien der wissenschaftlichen Fundierung – für jeden Anwendungsbereich der vorliegenden Liste getrennt und gibt an, für welche Anwendungsbereiche ein Verfahren ggf. als „wissenschaftlich anerkannt“ gelten kann. Studien, die eine Übertragung der Wirksamkeitsnachweise auf die Versorgungspraxis erlauben, werden bei der Bewertung besonders gewichtet.


Dabei gelten folgende Grundsätze:
1.) Der Wirksamkeitsnachweis für einen Anwendungsbereich kann in der Regel dann als gegeben gelten, wenn in mindestens drei unabhängigen, methodisch adäquaten Studien die Wirksamkeit für Störungen aus diesem Bereich nachgewiesen ist.
2.) Die Anzahl von drei erforderlichen Studien für einen einzelnen Anwendungsbereich kann teilweise reduziert werden, wenn – in der Regel ältere – methodisch adäquate Wirksamkeitsstudien ohne Angabe eines spezifischen Störungsbereiches oder mit mehreren klar definierten Störungsgruppen vorliegen. Dies gilt allerdings nur für die Anwendungsbereiche 1–5 der angeführten Liste. Liegen in der Regel mindestens fünf solche allgemeinen, ansonsten methodisch adäquate Studien vor, kann die Wirksamkeit für einen Anwendungsbereich aus dieser Gruppe bereits dann als hinreichend nachgewiesen gelten, wenn lediglich zwei für diesen Anwendungsbereich spezifische Studien vorliegen. Die Wirksamkeit für die Anwendungsbereiche 6–8 der Anwendungsbereichsliste kann lediglich durch spezielle Wirksamkeitsnachweise im Sinne von 1. nachgewiesen werden.
Empfehlungen für die Ausbildung und für die Anerkennung
von Ausbildungsstätten durch die Landesbehörden:
Grundsätzlich sollten alle acht Anwendungsbereiche in der Ausbildung berücksichtigt werden. Übergangsweise wird für die Anerkennung von Ausbildungsstätten sowie für die ärztlichen Weiter­bildungs­ordnungen vorgeschlagen:
1.) Nur solche Therapieverfahren, die für mindestens vier Anwendungsbereiche der Psychotherapie (1–8 der Anwendungsbereichsliste) oder mindestens drei der „klassischen“ Anwendungsbereiche (1–5) als wissenschaftlich anerkannt gelten können, sollen als Verfahren für die vertiefte Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten entsprechend § 1 Absatz 1 der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Psychologische Psychotherapeuten bzw. für die vertiefte Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten entsprechend § 1 Absatz 1 der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten zugelassen werden.
Um insgesamt die wissenschaftliche Anerkennung eines Verfahrens zu erzielen, müssen sich die in der Summe mindestens neun Wirksamkeitsstudien über verschiedene Altersstufen bis 18 Jahre erstrecken.
2.) Therapieverfahren, die für eine geringere Anzahl von Anwendungsbereichen, als unter 1.) benannt, als wissenschaftlich anerkannt gelten können, können im Rahmen der vertieften Ausbildung als Zusatzverfahren gelehrt werden.
Wesentliche Anwendungsbereiche der Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen:
1. Affektive Störungen (F 30–F 39) und Belastungsstörungen (F 43)
Akute Belastungsreaktionen (F 43.0)
Posttraumatische Belastungsstörungen (F 43.1)
Anpassungsstörungen (F 43.2)

2. Angststörungen (F 40–F 42) und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (F 93)
Phobische Störungen (F 40)
Andere Angststörungen (F 41)
Zwangsstörungen (F 42)
Emotionale Störungen des Kindesalters (F 93)

3. Dissoziative, Konversions- und somatoforme Störungen (F 44–F 45) und andere neurotische Störungen (F 48)
Dissoziative Störungen (F 44)
Somatoforme Störungen (F 45)
Neurasthenie und andere neurotische Störungen (F 48)

4. Essstörungen (F 50) und andere
Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen (F 5)
Essstörungen (F 50)
Nicht-organische Schlafstörungen (F 51)
Nicht-organische sexuelle Funktionsstörungen (F 52)
Anpassungsstörungen, somatische Krankheiten (F 54)

5. Verhaltensstörungen (F 90–F 92,
F 94, F 98) mit Beginn in der Kindheit und Jugend und Tic-Störungen (F 95)
Hyperkinetische Störungen (F 90)
Störungen des Sozialverhaltens (F 91)
Kombinierte Störungen des Sozialverhaltens und der Emotionen (F 92)
Störungen sozialer Funktionen (F 94)
Tic-Störungen (F 95)
Andere Verhaltensstörungen oder emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (F 98)

6. Autistische Störungen (F 84)

7. Persönlichkeitsstörungen und Verhaltensstörungen (F 60, F 62, F 68–
F 69), Störungen der Impulskontrolle (F 63), Störungen der Geschlechtsidentität und Sexualstörungen (F 64–
F 66), Abhängigkeit und Missbrauch (F 1, F 55), Schizophrenie und
wahnhafte Störungen (F 20–F 29)

8. Intelligenzminderung (F 7), hirnorganische Störungen (F 0) und Entwicklungsstörungen (F 80–F 83 sowie F 88 und F 89)

Köln, den 8. 6. 2000

Prof. Dr. S. O. Hoffmann
(Vorsitzender)
Prof. Dr. J. Margraf
(Stellv. Vorsitzender)
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