ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2000Massenkarambolage: – wer zahlt für wen?

VARIA: Wirtschaft - Versicherungen

Massenkarambolage: – wer zahlt für wen?

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): [127]

rco

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LNSLNS Heimtückisch: Nebel, Regen, Schnee oder Glatteis sorgen im Herbst und im Winter innerhalb kürzester Zeit für chaotische Verkehrsverhältnisse. Kommen überhöhte Geschwindigkeit und zu dichtes Auffahren hinzu, dann sind Massenunfälle keine Seltenheit. So auch Anfang Januar, als auf der A 7 (Fulda–Würzburg) bei Bad Brückenau 120 Fahrzeuge in einen Massenunfall verwickelt wurden. 70 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, zwei starben.
Das Ergebnis eines Massenunfalls ist meist ein Knäuel ineinander verkeilter Fahrzeugteile. Der Unfallhergang ist nicht mehr rekonstruierbar. Bei einer Massenkarambolage ist der Endzustand der Fahrzeuge oft nicht festgehalten; sie werden, um Verletzte zu retten, auseinandergezogen. Die Vielzahl der Spuren lässt eine eindeutige Zuordnung zu bestimmten Fahrzeugen nicht mehr zu.
Schlimm wäre es für die Betroffenen, wenn es nun noch nach dem geltenden Haftpflichtrecht ginge. Denn danach muss derjenige, der Schadenersatzansprüche erheben will, die Beteiligung eines bestimmten Schädigers, seinen eigenen Schaden und den unmittelbaren kausalen Zusammenhang zwischen beiden nachweisen. Doch für Beteiligte an Massenunfällen ist genau dies oft nicht möglich. Sie haben einen Schaden erlitten und sind möglicherweise schuldlos. Als Unfallverursacher kommen mehrere Beteiligte in Betracht. Kann nun ein Geschädigter nicht beweisen, welcher von mehreren möglichen Schuldigen für seinen Schaden aufzukommen hat, ginge er eigentlich leer aus.
Eigentlich, denn die deutschen Autoversicherer haben sich seit 1976 auf ein besonderes Regulierungsverfahren für solche Unglücksfälle verständigt. Dabei muss der bei einem Massenunfall Geschädigte nicht die Haftung eines bestimmten Schädigers nachweisen, sondern man unterstellt eine gesamtschuldnerische Haftung aller Beteiligten. „Der Geschädigte kann seine Ansprüche direkt bei einem vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft mit der Regulierung beauftragten Versicherer geltend machen“, erklärt Pressesprecher Stephan Schweda.
Im Falle des Massenunfalls bei Bad Brückenau benannte der Verband fünf Versicherer (Allianz Versicherung Nürnberg, HUK-Coburg, LVM Münster, AXA – Colonia Köln und die VHV Hannover).
Dieses Verfahren soll grundsätzlich immer angewandt werden, wenn 50 oder mehr Fahrzeuge beteiligt sind. Bei der Regulierung geht man davon aus, dass alle Unfallbeteiligten gemeinsam für den Schaden eines jeden einzelnen Opfers mitverantwortlich sind. Andererseits nimmt man an, dass auch das einzelne Opfer selber den Schaden teilweise mitverursacht hat. In der Regel können Beteiligte deshalb ihre Schadenersatzansprüche nicht in vollem Umfang geltend machen, weil sich der genaue Unfallhergang nicht mehr nachvollziehen lässt. „Ohne Vollkaskoversicherung müssen viele Unfallbeteiligte einen Teil der Schadenkosten selber bezahlen“, meint Pressesprecherin Karin Benning von der HUK-Coburg Versicherung. Die einzige Möglichkeit, seinen Schadenersatz in vollem Umfang geltend zu machen: Man kann beweisen, dass der Hintermann das eigene Fahrzeug auf den Vordermann geschoben hat.
Alle Beteiligten an einer Massenkarambolage werden übrigens bei ihrer Autohaftpflichtversicherung nicht in ihrem Schadenfreiheitsrabatt zurückgestuft. rco
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