ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2000Ratschläge von Hippokrates

VARIA: Post scriptum

Ratschläge von Hippokrates

Dtsch Arztebl 2000; 97(33): [128]

Seidel-Wiesel, Maria

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LNSLNS Liebe Kollegin, lieber Kollege,

unser letztes Zusammentreffen liegt schon eine ganze Weile zurück. Du hattest gerade dein Studium beendet und erwartetest mit Spannung die neuen Aufgaben deiner ersten Stelle. Du wußtest bereits durch die Erfahrungen während deiner praktischen Ausbildung, dass es kein ganz einfacher Weg werden würde. Aber du hattest vor, vieles anders und besser zu machen. Ich habe dir damals ein paar alte, aber bewährte Anweisungen ins Berufsleben mitgegeben.
Heute möchte ich wissen, wie es dir damit ergangen ist und wie du dich fühlst? Bist du zufrieden, gelassen, zuversichtlich und optimistisch? Oder geht es dir wie vielen deiner Kolleginnen und Kollegen, die sich überfordert, unzufrieden, ausgebrannt fühlen? Dann bleibt dir nur die Möglichkeit, dort etwas zu verändern, wo du besonders leicht Einfluss nehmen kannst. Bei dir selbst!
Es gibt ein paar wichtige Ursachen dafür, dass du dich heute schlechter fühlst als am Beginn deines Berufslebens. Und die kannst du auch jetzt noch beeinflussen. Ich glaube, dass man dich drei der wichtigsten Dinge in deiner Ausbildung nicht gelehrt hat, die dir und deinen Patienten ungemein hilfreich sein können:
1. Hat man dir beigebracht, wie du deinen Patienten sagst, dass sie an einer lebensbedrolichen Krankheit leiden? Wenn nicht, dann wird es dir vielleicht schwer fallen, ehrlich zu deinen Krebspatienten zu sein und ihnen trotzdem Hoffnung zu geben.
2. Hattest du die Gelegenheit, den Umgang mit dem Thema Tod und Sterben zu erlernen? Wenn nicht, dann könnte es sein, dass du den Tod als Feind betrachtest und das Sterben eines Patienten für dich eine Niederlage bedeutet.
3. Hat man dir gesagt, dass es wichtig und richtig ist, dich um deine eigene seelische und körperliche Gesundheit zu kümmern? Wenn nicht, dann wird es dir möglicherweise schwer fallen und schwer gemacht, eigenes Unwohlsein zu beachten und gut für dich selbst zu sorgen. Ich vermute, dass du mindestens eine meiner Fragen mit Nein beantwortet hast. Sicher fallen dir zu allen drei Punkten Begebenheiten und Situationen ein, in denen du dich hilflos oder überfordert fühltest. Deshalb glaube ich, dass du etwas für dich und damit auch für deine Patienten tun kannst, wenn du deine Ausbildung in Bezug auf diese drei Punkte erweiterst. Zum Schluss möchte ich dir noch ein Zitat aus einem meiner Werke mit auf den Weg geben:
Wenn der Arzt nicht gesund ist, leidet dreierlei: die Kunst, der Kranke und der Arzt.

Herzlichst!
Dein alter Kollege Hippokrates.

Dr. med. Maria Seidel-Wiesel
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