ArchivDeutsches Ärzteblatt33/1996Burn-out-Syndrom: Auch Ärzte sind davon betroffen

SPEKTRUM: Akut

Burn-out-Syndrom: Auch Ärzte sind davon betroffen

Stoschek, Jürgen

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LNSLNS Das Burn-out-Syndrom ist nicht nur bei Pflegekräften, sondern auch bei niedergelassenen Ärzten weit verbreitet, wenngleich genaue Zahlen nicht bekannt sind. Diese Überzeugung hat der Allge-meinarzt Dr. Michael Köhle bei einer Fortbildungsveranstaltung des Bayerischen Hausärzteverbandes München geäußert. Erhebungen bei Hausärzten in Tirol haben nach Köhles Angaben gezeigt, daß die emotionale Erschöpfung in dieser Berufsgruppe teilweise weit fortgeschritten ist. Erschöpfung und Enttäuschung, das Gefühl, überfordert zu sein, stehen nach Köhles Aussage am Beginn des Burn-out-Syndroms. Gewissermaßen zum Selbstschutz folgt eine Distanzierung vom Patienten bis hin zur Verhärtung. Das Vollbild des Burn-out-Syndroms endet im Verlust des Vertrauens in die eigene persönliche Leistungsfähigkeit. Depressionen, körperliche Erkrankungen oder auch mancher nicht erklärbare Unfall können die Folge sein.


Wir müssen jeden Tag den tüchtigen Arzt spielen, und keiner fragt uns, wie es uns geht", sei eine typische Formulierung für ein Burn-out-Syndrom. Besonders anfällig seien Ärzte, die voller Idealismus und mit großem Enthusiasmus ihre Praxis aufgebaut haben und dann in der täglichen Arbeit als Einzelkämpfer emotionale Enttäuschungen erleben, die sie mit zusätzlichem Engagement kompensieren, sagte Köhle. Dabei werden eigene Bedürfnisse zunehmend vernachlässigt, Konflikte verdrängt und Probleme verleugnet. Verdrossenheit, Zynismus gegenüber Kollegen und Patienten, Schuldgefühle und schließlich Reduzierung der Arbeit seien die Folge. Müdigkeit schon beim Gedanken an die Arbeit, aber auch Schlaflosigkeit und diffuse körperliche Beschwerden seien ernste Warnhinweise.

Erhebungen bei Hausärzten in Tirol ergaben, daß etwa die Hälfte der befragten Mediziner bereits wenige Jahre nach Gründung ihrer Praxis den Beruf nicht mehr als interessant und herausfordernd erlebt. Der subjektive Wunsch nach Freiheit, Selbständigkeit und persönlicher Entwicklung als der wichtigste Grund für die Entscheidung, Hausarzt zu werden, erfülle sich vielfach nicht und schlage in Enttäuschung um, berichtete Köhle. Hinzu kämen emotionale Belastungen, die sich aus den Ansprüchen der Patienten ergeben. Mehr als drei Viertel der Tiroler Hausärzte ärgern sich einer entsprechenden Erhebung zufolge "mitunter sehr" über ihre Patienten, weil sie das Gefühl haben, als jederzeit verfügbarer Diener benutzt zu werden. Zum täglichen Ärger gehöre auch, wegen nicht dringlicher Leistungen außerhalb der Sprechstunden in Anspruch genommen zu werden. Jürgen Stoschek

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