ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2000Therapeutisches Klonen: Dammbruch

SEITE EINS

Therapeutisches Klonen: Dammbruch

Dtsch Arztebl 2000; 97(34-35): A-2193 / B-1860 / C-1752

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Es war nur eine Frage der Zeit, wann der erste europäische Staat das Klonen menschlicher Stammzellen zu Forschungszwecken in Aussicht stellt. Diese hat England mit einem entsprechenden Gesetzentwurf nun für sich entschieden – zwar mit der Einschränkung, dass das Klonen nur zu therapeutischen Zwecken gestattet werden soll. Dennoch: Ein wissenschaftlicher und ethischer Dammbruch ist damit vollzogen. Der Wert eines Embryos – aus wie wenigen Zellen er auch bestehen mag – wird sich nach den Londoner Vorschlägen grundlegend verändern: Sein Lebensrecht und seine Würde treten hinter die der erwachsenen Kranken zurück. Bis zur industriellen Nutzung und Manipulation menschlichen Lebens ist es ethisch und moralisch dann nicht mehr weit. Allerdings: Ob man in absehbarer Zeit Parkinson-, Alzheimer-, Krebs- oder Diabeteskranken mit therapeutischem Klonen überhaupt eine relevante Symptomverbesserung oder gar Heilung ermöglichen kann, wie die Befürworter der Methode vollmundig behaupten, weiß derzeit niemand. Sie steht lediglich als Hoffnung im Raum.
Deutschland sollte sich bei der von einigen Forschern und Politikern geforderten Änderung des Embryonenschutzgesetzes an die Worte des Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Prof. Ludwig Winnacker, erinnern, wonach die Wissenschaft sich zurzeit nicht in einem Stadium befindet, wo ihr zur Heilung von schwer Kranken nichts anderes mehr übrig bleibe als das therapeutische Klonen. Denn weltweit arbeitet man mit Hochdruck an alternativen Verfahren; beispielsweise an der Züchtung menschlichen Gewebes aus pluripotenten Zellen sowie aus Körperstammzellen von Erwachsenen. „Diese sind ethisch weniger belastet und auf dem Weg, ein bestimmtes Organ zu bilden, schon viel weiter“, so Winnacker.
Wozu die Eile der Engländer angesichts dieser Perspektiven? Der Konkurrenzdruck und die finanziellen Anreize sind in der Branche so gestiegen, dass Großbritannien seine Position innerhalb der Staaten mit Spitzenforschung nicht gefährden will. Mit dem Vorschlag zum therapeutischen Klonen hat England daher nicht nur eine ethische, sondern auch eine Standortfrage für sich entschieden. Ausländische Bio- und Gentechnologiefirmen werden in England demnächst das tun, was in ihren Ländern verboten ist. Der damit verbundene ökonomische Gewinn darf Deutschland aus gesellschaftlichen, historischen und religiösen Gründen jedoch nicht vor einer sorgsamen Abwägung aller Argumente zum Schutze des ungeborenen Lebens abhalten.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema