ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2000Arzneimittelbudget: Unhaltbar
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Wenn es nach Politik und Krankenkassen geht, müssen die niedergelassenen Ärzte in acht Kassenärztlichen Vereinigungen hohe Regresse fürchten. In den betroffenen KVen ist nach (vorläufigen) Angaben der Kassen das Arzneimittelbudget 1999 um etwa 450 Millionen DM überzogen worden. Die Forderung auf Rückzahlung ist für Dr. med. Jürgen Bausch, Arzneimittelexperte der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, allerdings ein Unding.
Bausch verweist auf eine Marktanalyse von IMS Health, die den Budgetverlauf 1999 und das Verordnungsverhalten der Ärzte darstellt. Dass Ärzte Reserven nicht ausschöpften – wie von der Politik behauptet –, sei schlichtweg falsch. Weltweit hätte niemand die Verordnungen so massiv auf Generika, die billigeren Nachahmerprodukte, umgestellt wie die Ärzte hierzulande. Die Studie zeigt auch, dass die Ausgaben für umstrittene Arzneimittel im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen sind, auf lediglich 3,80 DM pro Versicherten und Quartal. Der Vorwurf an die Ärzte, sie würden zu viel Überflüssiges verordnen und müssten deshalb auch dafür haften, ist vor diesem Hintergrund nicht haltbar.
Nicht das Verschreiben von Firlefanz, sondern von Spezialpräparaten war entscheidend für die Überschreitung des Budgets. Diese innovativen Medikamente, die Patienten mit Krebs, Aids, Rheumatismus, Morbus Crohn oder nach Transplantationen deutliche Erleichterungen bringen, sind teuer. Besonders in KVen, in denen viele solche Patienten behandelt werden (Hamburg, Berlin, Bremen) sprengen diese Ausgaben den Finanzrahmen. Die Mehrbelastung wird jedoch in die Budget-Verhandlungen nicht einbezogen. Unberücksichtigt bleibt auch die höhere Morbidität in Ostdeutschland, die zwangsläufig einen höheren Verbrauch von Arzneimitteln nach sich zieht.
Fazit von Bausch: „Bleibt die Budgetierung, wird sie definitiv zu Rationierungen führen.“ Das ist schon jetzt spürbar und dürfte sich noch verstärken. Denn für das erste Halbjahr 2000 ist das Arzneimittelbudget rechnerisch bereits wieder überzogen. Dr. med. Eva A. Richter
Anzeige

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote