ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2000Gesundheitsreform 2000: „Konzeptionslos“

POLITIK

Gesundheitsreform 2000: „Konzeptionslos“

Dtsch Arztebl 2000; 97(34-35): A-2203 / B-1879 / C-1775

Richter, Eva A.

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LNSLNS Ein halbes Jahr nach der Gesundheitsreform 2000 zog der
Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung,
Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, eine negative Bilanz.

Mit ihrer Reform hat Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer nicht eines der drängenden Probleme im Gesundheitswesen gelöst“, sagt Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hat zudem den Eindruck, dass die Regierungskoalition die Gesundheitsreform 2000 „zu den Akten legen will“. Trotz mehrerer Gespräche im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium und im Bundeskanzleramt und trotz zahlreicher Aktionen des Bündnisses Gesundheit 2000, der KBV und der Kassenärztlichen Vereinigungen sind bisher keine gesetzgeberischen Korrekturen erfolgt. Dass diese
jedoch nötig sind, wird in vielen Bereichen des Gesundheitswesens deutlich.
Betroffen sind in der ambulanten Versorgung insbesondere die Fachärzte. Bei der gesetzlich verfügten Trennung der Gesamtvergütung in einen hausärztlichen und einen fachärztlichen „Topf“ sind sie offensichtlich die Verlierer. „Grundsätzlich begrüßen wir die Besserdotierung der Hausärzte“, betont Richter-Reichhelm, „aber das kann und darf nicht zulasten der Fachärzte gehen.“ Die Hausärzte müssten stattdessen durch zusätzliche Finanzmittel gefördert werden, meint der KBV-Vorsitzende. Durch die Verschiebung der Gelder sind die Existenzen fachärztlicher Praxen – besonders in den neuen Bundesländern – bedroht. Hinzu kommt, dass die Fachärzte indirekt die Psychotherapeuten subventionieren, denn deren eigenständige Finanzierung ist immer noch nicht gesichert. Das gesetzlich vorgegebene Ausgabenbudget der Krankenkassen für die Psychotherapie, das weder die Zahl der Leistungserbringer noch deren erbrachte Leistungen berücksichtigt, reicht nicht aus. 1999 betrug der jährliche Durchschnittsumsatz eines Psychotherapeuten aufgrund des extremen Punktwertverfalls etwa 61 000 DM. Damit können gerade die Betriebskosten gedeckt werden. Das Gesundheitsreformgesetz 2000 hat diese Misere keineswegs behoben – eher noch verschärft. Es könne nicht richtig sein, die psychotherapeutische Versorgung als Teil der fachärztlichen Versorgung zu definieren, kritisiert Richter-Reichhelm. Vielmehr müssten die Krankenkassen den Mehrbedarf für die Psychotherapie bezahlen. Für eine solche Lösung plädieren auch die FDP und der Petitionsausschuss des Bundestages.
In den neuen Bundesländern sind die niedergelassenen Ärzte besonders von den Auswirkungen der Gesundheitsreform betroffen. Dass im Osten die Morbidität höher sowie die Lebenserwartung und Arztdichte geringer ist, ignoriert das Gesetz. Trotz des erhöhten Versorgungsbedarfs erhalten die ostdeutschen Vertragsärzte von den Krankenkassen nur etwa 75 Prozent der finanziellen Mittel je Versicherten im Vergleich zum Westen. Die KBV fordert deshalb weiterhin die Anhebung der Ostvergütung auf das Westniveau.
Richter-Reichhelm kritisiert zudem, dass die Kassenärzte auch den Wettbewerb der Krankenkassen auszubaden haben. Viele Versicherte wechseln zu Krankenkassen, die mit günstigeren Beiträgen locken. Diese zahlen jedoch den Ärzten niedrigere Kopfpauschalen, teilweise statt 1 000 DM nur noch 400 DM pro Versicherten. Das Geld fehlt den KVen bei der Vergütung ihrer Vertragsärzte. Für Richter-Reichhelm ein absurder Mechanismus: „Die Menschen sind nicht weniger krank oder suchen seltener einen Arzt auf, nur weil die Kassen mit uns andere Kopfpauschalen vereinbaren können.“ Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Fischer verhält sich abwartend, zeigt jedoch Verständnis für die Situation der Ärzte. Erst soll ein vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium in Auftrag gegebenes Gutachten den Risiko­struk­tur­aus­gleich untersuchen. Mit ersten Ergebnissen ist im Frühjahr 2001 zu rechnen.
Entlastung für die Ärzte soll die Trias aus neuem EBM (DÄ 33/2000), HVM und Morbiditätsindex bringen, der erstmalig den tatsächlichen Versorgungsbedarf bei bestimmten Erkrankungen zeigt. Doch zunächst stehen Gespräche mit der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin (Ende September) und dem Bundeskanzler an. Die KBV will erneut auf die drückenden Probleme der Kassenärzte hinweisen.
Dr. med. Eva A. Richter


22. September 1999 in Berlin: Das „Bündnis Gesundheit 2000“ mobilisiert 25 000 Menschen. Der Protest gegen die Gesundheitsreform verhallte.
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