POLITIK: Kommentar

Sprachlose Medizin

Dtsch Arztebl 2000; 97(34-35): A-2208 / B-1875 / C-1766

Köster, Rudolf

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LNSLNS Mehr und mehr führt „Sprachlosigkeit“ in der Arzt-Patienten-Beziehung in diagnostische Fallen. Viele nicht erkannte Krankheiten haben ihren Ursprung in einer kranken Seele, manifestieren sich aber mit körperlicher Symptomatik. Typische Beispiele dafür sind die psychosomatische Krankheit („Wenn die Seele schweigt, schreit der Körper . . !“), oder die „maskierte“ („larvierte“) Depression. Diese Krankheitsbilder schaffen nicht nur viel menschliches Leid, sondern auch eine gestörte Arzt-Patienten-Beziehung. Sie zählen auch zu den häufigsten Ursachen für Krankmeldungen am Arbeitsplatz; Kränkung, Psychoterror, Mobbing „stechen ins Herz“, „schlagen auf den Magen“, „liegen zentnerschwer auf der Brust“ – vielfach wird hier der Weg bereitet in vorzeitige Erwerbs- und/oder Berufsunfähigkeit („Ich schaffe es nicht mehr . . !“).
Oft werden die betroffenenen Menschen mit verdrängtem seelischen
Leidensdruck nicht „verstanden“. Sie haben keine Chance, sich Sorgen, Kummer „von der Seele zu reden“, und werden krank – zuerst seelisch, dann körperlich, wie alle Menschen, die Kränkungen, Konflikte, Ärger, Neid verdrängen, „schlucken“, in sich „hineinfressen“ und in der „Sprech“-
stunde ihr Herz nicht „ausschütten“ können, die im „Sprech“zimmer auch „kein Gehör“ finden.
Nicht nur hier, sondern in allen Beziehungen zwischen dem Arzt und seinen Patienten, die nicht optimal funktionieren, wird das Grundgesetz der Medizin grob missachtet: Das Arztgespräch stellt das wichtigste Diagnostikum, im Idealfall mit einer Trefferquote von mehr als 50 Prozent, im Rahmen der Gesamtdiagnostik dar. Es ist der sicherste Schutzwall gegen Verirrung in diagnostische Um- und Irrwege und gegen Fehldiagnosen, es bietet eine durch nichts ersetzbare Voraussetzung für eine positive vertrauensvolle Zuwendung. Seelische Hilfe erfährt der Patient durch das Wort. Hier gilt das Motto: Wenn man über die Dinge spricht, sind sie nur noch halb so schlimm . . !
Zunehmend bekommen Ärzte, bevorzugt die „Hausärzte“, auch seelische Nöte ihrer Patienten in der Partnerschaft, Familie, Schule, am Arbeitsplatz zu spüren, die früher üblicherweise mit dem Pastor oder Pfarrer besprochen wurden. In seiner Zuwendung durch das Gespräch ist nun der Arzt in ganz besonderer Weise gefordert. Aber „das ärztliche Gespräch ist im Verfall . . ., es wird viel zu selten geführt. Es ist technikbezogen, zu wenig menschlich nach Tiefgang und Thematik. Es wird bereitwillig delegiert an andere Hilfskräfte . . !“ So warnte bereits 1981 Hans Erhard Bock in einem Vortrag vor Ärztinnen und Ärzten in der Bundes­ärzte­kammer.
Diejenigen, die mit der „alten Medizin“ nichts zu tun haben wollen, sollten auf der Hut sein. Denn der Mangel beim Arztgespräch rächt sich an der Gesundheit – vor allem durch Zunahme seelischer Krankheiten. Vernachlässigt werden diese durch eine dynamisch expandierende, techniklastige Körpermedizin. Dies bekommt der seelisch Kranke häufig schmerzhaft zu spüren. Oft vergeht zu viel Zeit bis zur Sicherung der Diagnose. Nicht nur der Kranke selbst ist davon betroffen, das seelische Leid bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das soziale Umfeld, vor allem die Familiengemeinschaft. Seelische Krankheiten können „anstecken“. Keine einzige Familie, in der eine depressive Mutter, ein durch Arbeitslosigkeit depressiv gewordener Vater, ein anorektisches Mädchen (zunehmend auch Jungen) leben, ist eine glückliche Familie! Die Folgen stellen insgesamt ein gesellschaftliches Problem dar.
Reformen müssten mit einer längst fälligen Neugestaltung des Medizinstudiums beginnen, das den werdenden Arzt weitaus mehr als bisher hinführt zur Ganzheitsmedizin, zur Psychosomatik, zur diagnostischen, therapeutischen Elementarfunktion der Zuwendung zum Kranken durch das Gespräch. Es muss allerdings deprimieren, dass bei Diskussionen über eine „Reform des Gesundheitswesens“ mehr an Budgets, Deckelung, Verteilerquoten als an eine Behebung der Misere der Arzt-Patienten-Beziehung gedacht wird. Selbst die teuersten Apparate, die wertvollsten Medikamente können das Arzt-Patienten-Gespräch nie ersetzen.
„Im Anfang war das Wort!“ – Auch in der Medizin sollte es genau jenes Wort sein, das am Anfang jeder Beziehung zwischen dem Arzt und dem Menschen, dem er helfen will, steht, damit die Hilfe in die richtige Richtung geht. Die für immer mehr Kranke spürbare Tendenz der Medizin zur Entfernung von den Fundamenten der „sprechenden“ Medizin zwingt zur Rückbesinnung auf Grundwerte der Elementardiagnostik, die sich am Prinzip von „sine materia“ im Sinne von Paracelsus (1493 bis 1541) und an der wirklichen Aussagekraft des Wortes orientieren.
Die Fortschritte in der Medizin haben einen Stand erreicht, der vor wenigen Jahrzehnten noch unvorstellbar gewesen wäre. Letzten Endes kann aber dieser Fortschritt nur so gut, so hilfreich sein wie die ihn begleitende Mitmenschlichkeit ärztlichen Denkens, Fühlens und Handelns. Das Gleichgewicht zwischen „Apparate“-Medizin und „sprechender“ Medizin muss stimmen, wenn die kranke Seele aus dem „Schattendasein“ einer dominierenden Körpermedizin befreit werden soll. Dies wäre dann auch eine spürbare Ausgabensteuerung im Sinne der Gesundheitsreform 2000! Dr. med. Rudolf Köster
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