ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2000Drogenabhängigkeit: Ein Weg aus dem Teufelskreis

POLITIK

Drogenabhängigkeit: Ein Weg aus dem Teufelskreis

Dtsch Arztebl 2000; 97(34-35): A-2209 / B-1909 / C-1781

Schnell, Vera

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LNSLNS Eine Hausärztin, die nach eigenen Angaben mit zwei Kollegen zurzeit 170 Drogenkranke therapiert, schildert ihre Erfahrungen mit der Methadonsubstitution.

Heroinsüchtige stehen bei einer Entzugstherapie vor einer Reihe von Problemen: Heroin benutzt körpereigene Strukturen und bietet dabei einen schlechten Ersatz für die Endorphine, da Heroin schnell anflutet und auch wieder schnell aus der Rezeptorbindung entflieht. Sobald die Rezeptoren leer sind, beginnt das neuronale Feuer erneut, und der Drogenkranke geht auf Suche, da die Schmerzen und die Schlafstörungen ihn nicht zur Ruhe kommen lassen.
Ein Problem ist der Alkohol
In diesem Stadium versuchen viele, sich selber zu helfen, und nehmen Schmerzmittel, die jedoch nur kurz helfen, da der Schmerz sich nur kurze Zeit mit konventionellen Schmerzmitteln lindern lässt. Damit beginnt der verhängnisvolle Weg in die Polytoxikomanie, weil weder Schmerz- noch Schlafmittel helfen. Aus dem Heroinkranken ist ein Polytoxikomaner geworden. Der nächste Versuch, sich selber zu helfen, ist die Einnahme von Codein.
Codein wird zu 30 Prozent in der Leber in Heroinäquivalente umgebaut. Und so scheint die Welt wieder zu funktionieren, jedoch muss Codein dreimal täglich genommen werden, da es nur acht Stunden wirkt. Die mehrmalige Zufuhr und die Tatsache, dass der Drogenkranke oft mit seiner Codeinflasche allein ist, verführt dazu, Codein zu nehmen, wenn er sich schlecht fühlt. Und so ist es nur in seltenen Fällen ein Weg aus der Abhängigkeit. Allerdings wäre sie bei konsequenter Anwendung (dreimal täglich) und langsamer Herabdosierung mit Unterstützung von außen möglich. Die tägliche vier- bis sechsmalige Verabreichung von Heroin bei Drogenkranken macht das Gehirn immer unruhiger; der Verlauf des Heroins im Blut ist wie in einer Sinuskurve, oben geht es gut, unten geht es schlecht.
Methadon ist eine Substanz, die an genau den gleichen Rezeptoren ansetzt wie Heroin, jedoch mit einigen Besonderheiten, die es ermöglichen, das Medikament zur Behandlung zu nutzen.

Die Vorteile von Methadon:
1. Es ist eine saubere Substanz. Somit besteht bei Verabreichung von Methadon keine Gefahr von Pyodermien, Endokarditis, Nierenversagen und Hepatitis C.
2. Methadon wirkt 24 Stunden, das bedeutet, der Drogenkranke hat 24 Stunden einen gleichmäßigen Wirkspiegel im Gehirn, und damit hat das Gehirn gleichmäßige Ruhe an den Rezeptoren. Der Patient hat keinen Kick, aber er hat auch keine Schmerzen; er kann schlafen, arbeiten und sein Leben wieder ordnen. In dem Moment, in dem die basalen Strukturen des Gehirns mit Methadon abgesättigt sind, kann das Großhirn wieder die Kontrolle über das Leben übernehmen. Meine Patienten arbeiten, sie erlangen einen Schulabschluss, absolvieren eine Ausbildung als Techniker, Arzthelferin, Bäcker oder Automechaniker. Sie bezahlen ihre Steuern, ihre Kran­ken­ver­siche­rung und ihre Rentenbeiträge.
3. In kleinen Schritten kann man die Dosis langsam herunterfahren. Bei einem Patienten, der ein Gramm Heroin pro Tag konsumiert hat, benötigt man etwa vier bis fünf Milliliter einprozentige Methadonlösung und kann wöchentlich um 0,2 ml heruntergehen, das ist so wenig, dass das Gehirn es nicht realisiert, aber so viel, dass man im Verlauf von Monaten auf null kommt. Gleichzeitig muss der Patient Sport treiben, um das körpereigene Endorphinsystem zu aktivieren und wieder gesund zu werden.
Dass das geht, und dass es gut geht, haben inzwischen mehr als 60 Patienten in zwei Jahren bewiesen. Da ich als Hausärztin auch nach der Therapie mit den Patienten in Kontakt bleibe, habe ich auch die Möglichkeit der Katamnese und weiß, dass sie gesund sind.
Ein großes Problem ist der Alkohol, da der die Methadonwirkung verkürzt. Bei Konsum von Alkohol wird Methadon schneller abgebaut, wirkt keine 24 Stunden und führt zu latentem Unruhegefühl, mit der Gefahr des Rückfalls. Große Mengen Alkohol setzen sukzessive das Großhirn aus. Im Stadium des Alkoholrausches kommt es automatisch zum Rückfall, da der Patient nur aus den basalen Anteilen des Gehirns reagiert und das Großhirn ausgeschaltet ist.
Verfehlte Drogenpolitik
Die über Jahre verfehlte Drogenpolitik haben die Drogen vom Rand der Gesellschaft in die Gesellschaftsmitte gebracht. Vor 15 Jahren behandelte ich Patienten, die keiner haben wollte – Menschen, die jahrelang drogenkrank sind, die mehrere Gefängnisaufenthalte hinter sich haben, die Arztpraxen ausplündern, Rezepte fälschen und aus jedem sozialen Rahmen herausgefallen sind. Sie haben manchen Arzt ins Gefängnis oder um seine Approbation gebracht, weil er helfen wollte.
Inzwischen werden Drogen elitär vermarktet. In einer Situation, in der Drogen von Normalbürgern konsumiert werden können, sind wir als Ärzte gefordert, einen unkomplizierten Zugang zu sofortiger Hilfe zu schaffen, um den Arbeitsplatz, den Ausbildungsplatz, die Familie und den sozialen Kontext zu erhalten.
Beispiele: R. R. kommt drei Monate vor der Gesellenprüfung wegen eines Drogenproblems in die Arztpraxis (ein halbes bis ein Gramm Heroin pro Tag); sofortiger Beginn der Therapie mit drei Milliliter Methadon, einprozentige Lösung. R. schreibt seine Prüfung, absolviert seinen praktischen Teil, besteht mit der Note 1,2 und wird von seinem Arbeitgeber übernommen. Nach jetzt vier Monaten Behandlung sind wir bei 0,2 ml Methadon täglich, in zwei Wochen wird die Therapie beendet sein, er bleibt mit mir ein Vierteljahr in Kontakt.
Familie T.: Er ist drogenkrank, vier Monate alter Säugling; Ehefrau multiple Sklerose; er hat seine Arbeit noch nicht verloren, sofortiger Beginn mit Methadon, die Arbeit klappt wieder, er kümmert sich um Frau und Kind. Die Familie hat ihren Ernährer nicht verloren.
Familie F.: Beide drogenkrank, eine zwölfjährige Tochter, er ist seit 20 Jahren drogenkrank, arbeitet jetzt mit Me-
thadon. Seine Frau ist seit acht Jahren drogenkrank. Sie lässt sich zurzeit zur Programmiererin umschulen und ist eine der Besten in der Klasse (Note 1,5).
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, ich betreue knapp 200 Drogenkranke. Ich bitte darum, dass diejenigen gehört werden, die täglich mit den kranken Menschen arbeiten, und dass man ihnen einen unkomplizierten Zugang zu Methadon und zur Hilfe ermöglicht. Es kann doch nicht angehen, dass ein therapiewilliger Drogenkranker 80 km zum nächsten Arzt fahren muss, der gewillt ist, ihn zu behandeln, wohingegen der Dealer ihm das Heroin an den Arbeitsplatz bringen kann.
Vor 15 Jahren waren meine Patienten im Durchschnitt 24 bis 28 Jahre alt. Heute sind meine jüngsten 14 Jahre alt, und diejenigen, die überlebt haben, sind heute 40 bis 44 Jahre. Die hole ich nicht mehr vom Methadon herunter. Die bleiben auf einer Dauermedikation und können damit ein menschenwürdiges Leben führen, bis ihre Leberzirrhose oder ihre Aids-Erkrankung dem ein Ende setzt.
Dr. med. Vera Schnell
Boelckestraße 17,
93051 Regensburg
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