ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2000Visionen eines wieder gelassenen Psychologen

POLITIK: Die Glosse

Visionen eines wieder gelassenen Psychologen

Dtsch Arztebl 2000; 97(34-35): A-2210 / B-1876 / C-1681

Mehrgardt, Michael

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LNSLNS Es ist der 1. April 2009. Auf dem Weg in meine Praxis fällt mir ein, dass ich heute vor genau zehn Jahren meine vertragsärztliche Tätigkeit aufgenommen habe – mein bitterer Geschmack im Mund hat
sicherlich mit der neuen Zahncreme zu tun.
Wie so oft in letzter Zeit werde ich mir das Gesicht des Patienten vorzustellen versuchen, der da nervös oder apathisch oder angriffslustig auf mich warten wird. Die Gesichter werden miteinander verschmelzen und sich mit beliebigen Fetzen von Biografien, Bildern und Begegnungen verbinden. Noch 10 Minuten, dann werde ich die Praxis betreten. Simone wird mich genauso verbindlich und sachlich begrüßen, wie sie auch meine Patienten empfängt. Das lernen die jungen PTH (Psychotherapeutische Helferinnen) heutzutage in ihrer Ausbildung. „Gerade bei psychotherapeutischen Sprechstundenhilfen“, so hat sie mir mal erklärt, „ist es wichtig, dass keine emotionalen Bindungen der Patienten zu ihnen entstehen, wegen self management und Abhängigkeitsvermeidung und so.“
Also, keine Verwicklungen bitte. Wir Psychologen sind professioneller geworden. Und schneller. Drei bis fünf Sitzungen sind die Norm. Mehr als zehn sind ein Fall für die QS-Inspektoren – Das sind die Qualitätssicherungsleute von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Wenn man zu häufig den „Normalfall“ überschreitet oder gar die „Höchstgrenzen“ (15 Stunden), wird man freundlich-bestimmt zu einem QS-Seminar der KV geladen. Hier werden nicht persönlich-fachliche Defizite des Behandlers aufgedeckt, sondern – finale Strategien eingeübt.
„Alle Patienten sitzen schon in den Kabinen“, ruft meine Sprechstundenhilfe. „In Nummer 1 die unspezifische Bulimie. Sie wollten noch klären . . .“ – Erklären muss ich noch das Kabinensystem: Das fing so etwa im Herbst 2004 an. Einige Kollegen hatten damit wohl schon heimlich begonnen. Sie wissen ja, die Punktwerte. So schlimm wie 1999 in den neuen Bundesländern und in Schleswig-Holstein mit Stundenhonoraren von bis zu 14 Pfennig (in etwa 7 Cent) ist es zwar nicht mehr geworden. Aber es blieb ständiges Reizthema. Unser Honorar pendelte sich dann auf etwa 15 Euro ein. Viele Praxen mussten aus finanziellen Gründen schließen, eine ganze Reihe von Kollegen wurde beim Abrechnungsbetrug erwischt. Was die nämlich nicht wissen konnten: Ein Jahr lang kamen „U-Boote“ der KV und der AOK in die Praxen, ließen sich behandeln und prüften auf diese Weise Abrechnungsumfang und -inhalte. Diejenigen, denen kein Betrug nachgewiesen werden konnte, bekamen Ärger wegen „rechtswidriger Anwendung unwissenschaftlicher Behandlungsverfahren“ (die so genannte RAUB-Affäre). Diese offensichtlich gut geschulten „Patienten“ fragten irgendwann: „Sagen Sie mal, machen Sie eigentlich auch Gestalt?“ Oder: „Können Sie mir nicht mal Körperübungen zeigen, ich bin irgendwie nicht so ganz in mir?“
Wie führt man mit einem Stundenhonorar von 15 Euro wirtschaftlich eine Praxis? Hier haben wir Psychotherapeuten in mehrfacher Hinsicht von den Somatikern lernen dürfen, indem wir alle in einen weißen Kittel geschlüpft sind. Was nämlich die therapeutische Arbeit früher so auszehrend gemacht hatte, war ja die „Beziehungsarbeit“, was wiederum den Effekt hatte, dass man höchstens 25 Patienten pro Woche schaffte!
Nebenbei sei vermerkt, dass eine Gruppe einflussreicher Gestalttherapeuten die wissenschaftliche Anerkennung der Gestalttherapie hat durchsetzen können, wenngleich auch einige Kröten „geschluckt“ werden mussten wie die Umbenennung in Gestaltungstherapie. Mich tröstet dabei ein wenig, dass sich für die Verhaltenstherapie auf Kundenseite ja auch „Verhaltungstherapie“ eingebürgert hat. Die zweite große Schule, die „es“ geschafft hat, ist die Systemische Familientherapie, heute: „Systematische Therapie“. Die Zulassung wurde hier aber auf die Methoden eingeschränkt, die monokausale und lineare Behandlungsprinzipien nachweisen.
Ja, wir tragen nun endlich auch so ein Gewand, wenn auch nicht sichtbar, so doch als Haltung. Es arbeitet sich gut darin: Wenn gut gestärkt, hält es einen in Fasson, auch wenn man innerlich mal zusammensackt. Die Kabinen haben wir ebenfalls von den Somatikern abgeguckt. Aus Honorargründen haben wir mit der Simultanbehandlung angefangen. Vom Gruppenbehandlungs-Setting unterscheidet sich diese dadurch, dass um jeden Patienten mindestens drei Wände gestellt sein müssen. Da mittlerweile das zwischenzeitliche Überangebot an Psychotherapeuten durch „grüne Selektion“ (Eine Zeit lang war eine Grüne Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin) abgenommen hat und andererseits die Kostenerstattler in Schach gehalten werden sollen, waren die KVen und Kassen überraschend schnell mit dem Kabinensystem einverstanden. Zugelassen sind offiziell bis zu fünf Kabinen pro Therapeut und 50 Minuten. Die meisten Kollegen führen aber durchschnittlich bis zu acht Parallelbehandlungen durch, um so auf einen Stundensatz von circa 120 Euro zu kommen.
Textbaustein „Erstkontakt“ downloaden
Mein Praxisalltag: Also Kabine 1, die atypische Bulimie. Ich öffne, ausatmen (Wie war doch gleich ihr Gesicht? – ach ja). Ich gehe mit der Patientin die Bewältigungskognitionen durch. Dann stelle ich die Schale mit den Gummibärchen (Hierarchie Stufe 7) in 1,20 m Entfernung von ihr auf den Fußboden. Mit einem „Denken Sie positiv“ lasse ich sie allein. Auf zur zweiten Kabine – bis jetzt bin ich gut in der Zeit, keine 6 Minuten bisher. Griff zur Karteikarte – an Frau F. erinnere ich mich lebhafter, als mir lieb ist: Histrionikerin. Eigentlich gehts ihr gar nicht schlecht. Von ihrer Kasse hat sie die Auflage zur Behandlung gekriegt, weil sie immer von Arzt zu Arzt rannte und zu teuer wurde. „Guten Mor . . .“ „Sie haben mich gestern bei Plaza gar nicht gegrüßt. Aber ich bin Ihnen ja auch nicht wichtig. Ach, Sie können mir auch nicht helfen, Herr Dr. Mehrgardt. Dabei hatte ich so viel Hoffnung in Sie gesetzt.“ (Innerliches Zusammensacken, aber der Kittel hält. Ignorieren. Wiederaufpumpen. Brennen in der Magengegend: die Z e i t !) Ich gebe ihr eine Aufgabe, irgendwas mit Kognitionen. „In Kabine 3 sitzt ein Neuer“, empfängt mich Simone. „Depression mit Somatik. Karte, verstohlenes Ausatmen, Eintreten. Textbaustein „Erstkontakt“ downloaden. Dann Kabine 4 (eine Rezidivierende), Kabine 5 (Höchstgrenzen-Behandlung, multiple Traumatisierung wegen innerfamiliären Übergriffs, heute 14., also vorletzte, Sitzung). „Erlernen von Selbstkontrolle, vielleicht Zeitprojektion“ steht auf meiner Karte für heute. 10 vor 9 Uhr ertönt unser wohlklingender Gong, woraufhin die Patienten aus den Kabinen treten. Verabschiedung. Kurze Pause, Kaffee, Zigarette. Anschließend zweite Runde und der nächste Satz Patienten.
Ein weiterer Grund, weshalb wir Psychotherapeuten weniger belastet und deshalb effektiver geworden sind, liegt im „metaphysischen Schnitt“ – auch von den Somatikern übernommen. An die Stelle der Begegnungsspekulanten traten in den Literaturverzeichnissen die Namen von Pragmatikern, Neo-Positivisten und Sprachanalytikern, wie leComte, die Mitglieder der „Wiener Schule“, Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus. Alle metaphysischen Themen wurden als spekulativ oder esoterisch verbannt. Zunächst gab es einige Missstimmung, wurden doch nach und nach alle Antragsberichte abgelehnt, in denen von existenziellen Ängsten oder Trauer, von Sinnfragen oder Begegnungsfähigkeit die Rede war.
Es ist gut zwei Jahre her, dass die KBV diesen Bannspruch verhängte, und ich muss trotz anfänglicher Empörung eingestehen, dass es mir seitdem besser geht: keine eigenen Erschütterungen mehr infolge von Gesprächen über Themen, die auch mich betreffen und beunruhigen; keine erschöpfenden Kontakte von Mensch zu Mensch, womit den Patienten ja doch nur etwas vorgespielt wurde. Es ist schon gut so, wie es ist!
Und nur manchmal träume ich noch, dass mir ein Klient dankbar um den Hals fällt. – Und wache schweißgebadet auf.
Dr. phil. Dipl.-Psych. Michael Mehrgardt
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